TV-Zweiteiler : Heilender Sozialismus

„Gesundheit DDR“: Eine MDR-Doku übers Kranksein drüben - und wie die Ost-West-Arbeitsteilung bei den Medizinern aussah.

von
Am Start. SMH, die schnelle medizinische Hilfe 1977 vor der Poliklinik Jena. Foto: MDR
Am Start. SMH, die schnelle medizinische Hilfe 1977 vor der Poliklinik Jena. Foto: MDRFoto: MDR/Hoferichter & Jacobs

Gesundheitskommunisten sind wir alle. Wie tief der Gleichheitsgedanke in uns steckt, zeigt sich, sobald die Rede auf das Kranksein kommt. Jeden erschreckt der Gedanke, ihm als kranken Menschen könnte die medizinische Hilfe verweigert werden, weil er sie nicht bezahlen kann. Vor diesem Hintergrund der brüchig werdenden Selbstverständlichkeiten ist ein Rückblick auf das Gesundheitswesen der DDR durchaus interessant.

Der Zweiteiler des MDR heißt „Gesundheit DDR“. „Krankheit DDR“ wäre verständlicher, aber die Autoren Michael Erler und Anne Mesecke meinen wohl etwas anderes. Ihr Film ist wohltuend ideologiefrei, und manche Dinge werden ohnehin erst im Rückblick kenntlich. Wer hat in der DDR schon darüber nachgedacht, dass das Kranksein und das Gesundwerden ihn nichts kosteten? Es war normal, und kein Mensch denkt über Dinge nach, die normal sind, sonst wären sie es nicht.

Anfang der 70er Jahre war die Säuglingssterblichkeit in der DDR niedriger als in der Bundesrepublik und die Lebenserwartung war höher. Möglicherweise hat auch das damals nicht erstaunt. Die Revolution der medizinischen Möglichkeiten schien wie von selbst auf den Sozialismus zu weisen: als die einfachste Möglichkeit, sie allen zugute kommen zu lassen. Der Nachkriegsvolkskrankheit Tuberkulose und den oft tödlichen Kinderkrankheiten war gar nicht besser zu begegnen als im höchsten Auftrag des Souveräns. Einmischung des Staates kann schlimmer sein.

So erfand die DDR die Polikliniken, Ärzte für sämtliche Leiden unter einem Dach. Die Sache hatte natürlich auch Nachteile. Ärzte und vor allem Schwestern verdienten lächerlich wenig. Den Staat irritierte das einerseits wenig, denn viel Geld zu verdienen, war in der DDR als Lebensziel nicht vorgesehen. Andererseits irritierte es doch, denn die deutsch-deutsche Arbeitsteilung funktionierte bis zum Mauerbau ganz einfach. Die DDR bildete Ärzte und Krankenschwestern aus, kaum waren sie fertig, gingen sie in den Westen, Geld verdienen.

So trafen sich eines Tages die drei Augenärzte eines Görlitzer Krankenhauses im Westberliner Aufnahmelager und sahen sich ungläubig an: Du auch? Und sie gedachten gemeinsam ihres alten, kranken Chefarztes, der nunmehr ganz allein war. Der erkannte das ebenfalls. Und starb. Zu konstatieren war jetzt ein Mangel an Augenärzten in Görlitz, aber Mängel gab es noch viel mehr. Insofern lässt sich mit gleichem Recht die These vertreten: Das Gesundheitswesen der DDR war eine Krankheit. Aber die Stärke diese Zweiteilers liegt darin, dass er keine Thesen vertritt, sondern Erfahrungen Raum gibt. Einer der vielen interviewten Mediziner fasst das Gesundheitswesen der DDR in hoch eigentümliche Worte: „in Ansätzen hervorragend“. Vielleicht ist das Realismus.

Zwar gelang bereits Ende der 60er Jahre eine Nierentransplantation, und doch zeigte sich immer mehr, dass Patienten mit seltenen Erkrankungen in der DDR verloren waren, während man ihnen in der Bundesrepublik schon helfen konnte. Auch das Gesundheitswesen der DDR scheiterte wie das ganze Land an dem Unvermögen, mit der Technologieentwicklung Schritt zu halten. Kerstin Decker

„Gesundheit DDR“, am 20. und 27. September um 22 Uhr 05 im MDR

13 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben