TV-Zweiteiler : Verführerischer Glanz

In „Gier“ wollen Gläubiger eines Finanzjongleurs die Wahrheit nicht sehen. Dieter Wedel hat sein neuestes Werk nach einem echten Vorbild inszeniert.

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Einen Geldsegen verspricht Betrüger Dieter Glanz (Ulrich Tukur, r.) seinen Gläubigern. Auch Alfi Baum (Kai Wiesinger) droht auf...

Der Hochstapler ist eine Figur, die gehörige dramatische Spannung gleich mitbringt. Da gibt es eine strahlende Fassade und eine düstere Wahrheit dahinter. Mit so einem Filou als Protagonisten, einem Finanzjongleur von derart enormem Charme, dass noch die letzte knickrige Oma ihm den Sparstrumpf anvertraut mit der Aufforderung: mehr, das Doppelte, ja das Tausendfache draus zu machen – mit so einem Hallodri, der dann auch noch von Ulrich Tukur gespielt wird, kann eigentlich nichts schiefgehen. Und dann haben wir tatsächlich eine Finanzkrise, in der die gesamte Investmentwelt als globaler Hochstapler dasteht – mit so einer tollen aktuellen Anknüpfung müsste doch das Werk rund um den Verführer Dieter Glanz, das einem wahren Fall nachempfunden sein soll und dessen beziehungsreicher Titel „Gier“ lautet, ein Selbstläufer sein. Aber seltsam: Der Film „Gier“, inszeniert von dem für seine aufwendigen Mehrteiler wohlbekannten Dieter Wedel, läuft nicht. Er tritt auf der Stelle.

Diese Stelle ist allerdings attraktiv. Sie bietet schöne Interieurs, pompöse Villenfassaden, herrliche Gärten, teils in Deutschland, teils in Südafrika. Und Party in Permanenz. Menschen mit Schampusgläsern zwischen den Fingern tanzen, jubeln, feiern: ihren Star Dieter Glanz, der Mann mit dem goldenen Daumen, König Midas reloaded. Er hat es drauf, das sieht man schon an seinem Lebensstil, am Champagner, an den Villen und Gärten. Oh heiliger Glanz, gib uns mehr davon.

Aber Glanz gibt kein Geld – er sammelt es ein. Und so lange er noch sammelt und selbst kleine Anleger betört und die „Gier“ in ihnen weckt, schaut man ihm, beziehungsweise dem ausgezeichneten Ulrich Tukur auch gern dabei zu. Die Menschen opfern ihm wie einem Gott. Doch wo bleibt der (Geld-)Segen? Bei großen Summen darf man nicht in kleinen Zeiträumen denken. „Ans Warten müssen Sie sich bei Dieter gewöhnen“, sagt einer der Gläubiger. Und die Zeit vor der Million wird verfeiert. Glanz hält seine Entourage frei. „Ich liebe euch. Nehmt alle Platz.“

Aber die Ersparnisse, die Glanz anvertraut wurden, fehlen woanders. Ein Haus gerät unter den Hammer. Woanders klopft der Gerichtsvollzieher. Wann endlich ist Zahltag? Glanz nennt mal diesen, mal jenen Termin. Ein Betrogener nennt ihn liebevoll „Schlingel“. Dann ist die Zeit um und Glanz weg. Er hat sich nach Südafrika abgesetzt. Hier spielt der zweite Teil.

Floh Glanz vor seinen Gläubigern? Nein, vor dem Finanzamt. Er soll weit über zwanzig Millionen Steuern nachzahlen. Erleichterung. Wer eine so hohe Steuerschuld hat, muss bombig verdient haben. Die Gläubiger schöpfen Hoffnung, reisen ihrem Guru nach und denken an die Worte vom Warten bei Dieter ... Sie sind zugleich das kritische Losungswort des Films. „Gier“ handelt vom Warten wie auf Godot, von der Sehnsucht nach dem Zaster, der nie kommt. Irgendwann hat zumindest der Zuschauer das kapiert. Und dann möchte er nicht mehr mitwarten.

Korrekt ist die Warterei als (Un-)Tätigkeitsmodus der Figuren dieses Films insofern, als es kaum eine subtilere Art und Weise gibt, Herrschaft über Menschen auszuüben, als über ihre Zeit zu verfügen, sie zum Warten zu zwingen. Dieter Glanz manipuliert seine soziale Umwelt gnadenlos. Er lässt sie endlos warten. Als filmische These, als Charakteristik des Helden ist das plausibel. Als filmischer Verlauf ist es tödlich – für die Spannung dieses reizvoll fotografierten Zweiteilers (Kamera: Wedigo von Schultzendorff), die zwischen lauter Warteständen zerrinnt.

Es gibt einen Antagonisten im Film, den Biedermann Andy Schroth, gespielt von Devid Striesow in der ihm eigenen unaufgeregt-zurückgenommenen Art. Anfangs glaubt man noch, dieser treuherzige Gutmensch, der sein gesamtes Vermögen plus das seiner Eltern bei Glanz verzockt hat, könne sich im Laufe der Geschichte zu einem gefährlichen Glanz-Gegner entwickeln und so den Dingen noch mal eine Wendung geben. Aber nichts da. Andy wartet auch nur. Halbherzige Ansätze zur Revolte verpuffen.

So bleibt der teuflische Glanz Sieger auf der ganzen Linie. Zwar landet er im Knast, aber dort spannt er seine Mithäftlinge gleich in sein nächstes Projekt ein. Er wird sein Lebtag über die Dummheit seiner Mitmenschen staunen und sie ausnutzen. Er wird lügen, betrügen und manipulieren – getreu seinem Mantra: „Die Wahrheit ist etwas sehr Kostbares. Man kann gar nicht sparsam genug damit umgehen.“

Wie im Leben so kommt es auch im Film nicht immer auf die Wahrheit an, wohl aber auf die Spannung, die entsteht, wenn sie verborgen wird. Mit dieser Spannung darf man nicht sparsam umgehen. In „Gier“ erfahren wir nichts über die tatsächlichen Machinationen des Finanzjongleurs. Es ist ein Film über die langen Gesichter der Betrogenen und das Händereiben des Betrügers. Und das reicht nicht.

„Gier“, Arte, 1. Teil 20 Uhr 15, 2. Teil 21 Uhr 45; in der ARD: 1. Teil, 20. Januar, 2. Teil, 21. Januar, jeweils 20 Uhr 15

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