Twitter hilft : Der Zweck des "Zwitscherns"

Man kann davon genervt sein, wie viel nichtige Information um den Globus verbreitet wird. twitter.com und youtube.com sind inzwischen aber auch Instrumente der Aufklärung. Eine Revision von Joachim Huber.

Joachim Huber

Das sind wir gewohnt: Jedes Ereignis hat sein Bild als Augenzeugen, jedes Ereignis hat seinen Ton als Ohrenzeugen. Was gesehen, was gehört wird, das wird versendet, vor anderer Augen und Ohren gebracht. Gefühlt twittert ein Drittel der Menschheit ihre 140 Zeichen in die Welt, das zweite Drittel youtubet Videos rund um den Globus, das letzte Drittel googelt beider Ergebnisse, alle zusammen sind mehr oder minder informiert vom Ereignis – sie wissen davon.

Darin steckt auch ein gewaltiger Nervfaktor, die überragende Mehrheit aller Mitteilungen in Bild und Ton sind Exzesse an Nichtigkeit. Und dann sind da die Ereignisse, die dieses arrogante Urteil ins Wanken bringen. Von der geglückten Landung des United-Airlines-Jets auf dem New Yorker Hudson River erfuhr die Welt zuerst über Twitter, das Video über das Husarenstück des Piloten wurde schnell bei Youtube hochgeladen.

Angesichts des Air-France-Flugs 447 fallen wir in ein schwarzes Loch. Der Airbus, gestartet am 31. Mai in Rio de Janeiro, war auf seiner Route nach Paris viele Tage spurlos verschwunden. Ein Flugzeug mit 228 Passagieren an Bord war unsichtbar geworden, Tonsignale aus seiner innersten Herzkammer, der Blackbox, wurden nicht empfangen. Unsichtbare Stille, das kann es im visuell-akustischen Informationszeitalter nicht geben, das ist ein unerhörter Widerspruch. AF-Flug 447 ist tatsächlich eine Blackbox geworden.

Unsichtbarkeit schafft Ungewissheit. Ungewissheit beschäftigt. Ungeklärt die Ursache für den Absturz, das Schicksal von 228 Menschen. Wie sind sie gestorben, haben sie furchtbar gelitten? Die Gedanken kreisen, nichts bekommen sie konkret zu fassen, schwarz sind die Spekulationen. Wir sind, wo wir uns sonst glauben machen, permanent informiert zu sein, uninformiert. Jetzt zeigt sich, wie sehr Informationen, so sehr sie zugleich beruhigen wie beunruhigen können, benötigt werden. Sie sind Formen von Gewissheit, Vorstufen von Verarbeitung, Kapseln der Archivierung. Nichts wissen ist grausamer als wissen. twitter.com und youtube.com, die Schwatzdrosseln und das Augenfutter moderner Kommunikation, sind Instrumente der Aufklärung. Nicht zu fassen.

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