Medien : Tyrannei der Echtzeit

Wer bestimmt wen: Die Außenpolitik die Medien oder umgekehrt?

Juliane von Mittelstaedt

Manchmal kann auch eine Fata Morgana diplomatische Erdbeben auslösen. So geschehen vorletzte Woche, als der „Spiegel“ den angeblich-vergeblichen Blauhelm-Plan „Mirage“ auf den Titel hob. Noch vor der Veröffentlichung hagelte es Dementis. „Termingerecht“ lud das Auswärtige Amt nun alle Nochimmer-Verwirrten zur Aufklärung ein, um vor dem beginnenden Wüsten- und Bildersturm im Irak das Verhältnis zwischen Politik und Medien auszuloten: „Außenpolitik in Echtzeit? Die Medialisierung der Weltpolitik.“ Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Staatssekretärin Kerstin Müller gibt sich viel Mühe, unkonkret zu bleiben. Die Frage, wie sich Außenpolitik über Medien inszeniert, bleibt nebulös. Als Beispiel nennt sie nur Unverfängliches von der DDR-Fernsehzensur bis hin zum Film „Wag the dog“, wo ein US-Präsident im Wahlkampf den Krieg mit einem virtuellen Albanien als Ablenkung inszeniert. Und nicht nur im Film, auch in der Realität sei die Beeinflussung der Außenpolitik durch die Medien „enorm“, weiß die Staatssekretärin – und schweigt.

Der CNN-Effekt

Je kürzer die Zeitspanne zwischen Ereignis und Nachricht, je öfter Bilder aus den Krisenregionen der Welt live im Fernsehen zu sehen sind, desto mehr wird die öffentliche (medial vermittelte) Wahrnehmung Bestandteil der internationalen Beziehungen. Die Bilder von den Anschlägen des 11. September machen es deutlich: Sie haben sich für immer in die Netzhaut der Weltbevölkerung eingebrannt. Auch wegen des „CNN-Effekts“: Nur das existiert, was die Fernsehkamera ins Bild zoomt. Doch die Logik der Medien verkehrt sich gegen sie. Terror brauche Bilder, sonst sei er nur ein Fall für die Kriminalstatistik, weiß der Berliner Kriegsforscher Herfried Münkler. Die Bilderflut und die spontane Rede vom „Krieg“ hätten die öffentliche Stimmung militarisiert – und den Handlungsdruck auf Washington erhöht.

Andersherum funktioniert die mediale Erzeugung von Außenpolitik ebenso: Die Bilder von den weltweiten Friedensdemos waren es, die die EU zu einer einheitlichen Position finden ließ. Mit dem Einfluss der Medien auf die Politik steigen die Gefahren: Wo „overnewsed“ und „underinformed“ kein Widerspruch mehr sind, drohe ohne sorgfältige Recherche und Prüfung „PK-Journalismus“, meint Erik Bettermann, Intendant der Deutschen Welle. Der Korrespondent von Al Dschasira sieht das anders. Die Funktion seines Senders sei, so Aktham Suliman, vor allem die einer objektiven Plattform: „Wir trauen unserem Publikum zu, sich ein Urteil zu bilden.

Fürsorgliche Umarmung

Im besten Fall schließen die Medien eine Aufmerksamkeitslücke, indem sie auf Krisen aufmerksam machen, im schlechtesten hetzen sie die Außenpolitik von einer Katastrophe zur nächsten, mit der (Wähler-)Erwartung im Nacken: Tut was! „Tyrannei der Echtzeit“ nennt es BBC-World-Anchorman Nik Gowing. Von der Außenpolitik werde zunehmend erwartet, schon „vor der Flut“ da zu sein und Sandsäcke zu werfen, weiß auch der Ex-Sprecher des Auswärtigen Amtes, Michael Gerdts, nur zu gut. Ein „ungesunder Overdrive“ sei die Folge. „Die Prioritäten der Politik bestimmt noch immer die Politik", meint Hans Ulrich Klose (SPD), stellvertretender Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Doch wie sind sie zu bestimmen, wenn Informationsströme so unübersichtlich und unüberprüfbar sind, dass sogar ein britischer Premierminister eine alte Diplomarbeit zum Beweis für irakisches Fehlverhalten nimmt?

Immerhin gibt es Versuche, die Informations- und Deutungshoheit zurückzuerobern. Rund 500 amerikanische Journalisten trainieren derzeit zusammen mit Soldaten in „Boot-Camps“ Frontverhalten. „Fürsorgliche Umarmung“ von Medienmachern heißt die neue Strategie: „Kann man kritisch gegenüber Soldaten sein, die einen beschützen?“, fragt Nato-Pressesprecher Jamie Shea. Wenn demnächst die Journalistenbrigade mit der Truppe vorrückt und die „Kamera auf der Rakete mitfliegt“, so Bettermann, wird die Berichterstattung zum Kriegsspiel in Echtzeit. Und da stirbt die Wahrheit bekanntlich zuerst.

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