Medien : Über die Vorfreude

Reinhard Siemes

„Ein schönes Produkt zu kaufen, macht den Menschen Freude. Sie als Werber sind zuständig für die Vorfreude.“ Dieses Sätzchen gebe ich jungen Kreativen immer wieder mit auf den Weg. Darum die Frage an die Tagesspiegel-Leser: „Wann haben Sie sich in den vergangenen zwölf Monaten über einen TV-Spot, eine Anzeige oder ein Plakat gefreut?“ Mir fallen höchsten die Filmchen und Anzeigen für den Mini ein. (Nur sind die meisten schon eineinhalb Jahre alt.) Mit leichten Abstrichen auch die Ikea-Spots und der herrliche Klamauk für die Gelben Seiten. Die machen aber nur 0,001 Prozent der 30 Milliarden Euro aus, die 2002 in die Werbung gesteckt wurden. Der Rest war und ist zum Abgähnen.

Als Indikator dient mir meine Stammkneipe. Bis vor einem Jahr wurde ich hier regelmäßig auf besonders lustige oder extrem „schrottige“ Kampagnen angesprochen. 2002 aber war Werbung kein Thema mehr. Sicher, die Menschen hatten andere Sorgen. Aber gerade die sollten Anlass für Filme und Anzeigen sein, über die der gebeutelte Steuerzahler befreit lachen kann. Die Engländer haben uns das Anfang der achtziger Jahre vorgemacht. Aber versuchen Sie mal, einem Manager von Opel, Beck’s Bier oder Bayer Humor oder gar Selbstironie zu verkaufen.

In einer deutschen Krise ist kein Platz für lustig. Die muss so konsequent durchlitten werden wie alles, was wir in Germanien tun. Darum gebe ich allen deutschen Werbeleitern für 2003 diesen Rat mit auf den Weg: Verlassen Sie den düsteren Mikrokosmos, in dem Sie leben. Und gehen sie zu den Menschen, denen Sie Ihre Produkte verkaufen wollen. In die U-Bahn, in Kaufhäuser und Cafés.

Hier wird Ihnen sehr schnell bewusst, wie lächerlich Ihre theutsche Werbung ist und wirkt. Vielleicht werden Sie sich sogar fragen: „Haben die Menschen nicht ein bisschen Vorfreude verdient?“

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