Medien : „Über Niveau“

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Hartmann von der Tann, ARD-Chefredakteur: Über Strecken war es ganz amüsant zu lesen. Was ich so nicht erwartet hatte, das waren die persönlichen Spitzen. Für die Fernsehduelle hat sich aus dem Printduell nichts ergeben, was wir in der Anlage und Systematik der geplanten Sendungen ändern müssten. Print- und Fernsehduelle sind so unterschiedlich, dass sich direkte Vergleiche verbieten.

Peter Limbourg, Fernseh-Duell-Moderator für Sat 1: Das Printduell war sicher ein gutes Medientraining für die Kandidaten, die sich schon mal beschnuppern konnten. Ich habe es mit Interesse gelesen. Aber fürs Fernsehen kann man, glaube ich, nicht viel draus ziehen. Das Fernsehduell ist wie Theater, das Printduell wie das Reklam-Heftchen, das man zu einem Theaterstück liest.

Nikolaus Brender, ZDF-Chefredakteur: Die Fragen und Antworten waren bekannt. Es wird die Aufgabe der TV-Interviewer sein, mit überraschenderen Fragen Schröder und Stoiber aus den Schemata heraus zu bekommen, in denen sie denken – es müssen mehr spontane Äußerungen kommen. Das Fernsehpublikum darf die Antworten von Schröder und Stoiber nicht schon kennen. Anders als bei einem statuarischen Printduell hat das Fernsehen den Vorteil, dass es Gestik und Mimik von Kanzler und Kandidat zeigen kann. Es muss die Beziehung zwischen Kanzler und Kandidat Stoiber sichtbar werden, wie sie aufeinander reagieren.

Michael Wulf, Nachrichtenchef von RTL und der Beauftragte für das TV-Duell: Das Einzige, das wir vielleicht davon lernen können, ist, sicherzustellen, dass die Redezeit beider Kandidaten auch wirklich gleich lang ist. Diesmal soll Stoiber, wie ich gelesen habe, ein bisschen länger geredet haben. Wir überlegen uns, wie wir optisch für die Zuschauer und die Kandidaten anzeigen können, wie viel Zeit sie noch haben.

Jörg Howe, Sat-1-Chefredakteur: Mich haben Umfang und Aufmachung in den beiden Boulevardzeitungen überrascht. Vom Anspruch her lag das Printduell sicherlich über dem sonstigen Niveau der Blätter. So einem langen Interview-Bogen werden die wenigsten Leser in Gänze gefolgt sein. Die Fernsehduelle werden ganz anders sein: 75 Minuten live, ohne Netz und doppelten Boden für Schröder und Stoiber. Bei der Konfrontation im Fernsehen bilden vor allem die Emotionalität und die Glaubwürdigkeit der beiden Kandidaten die Werte, nach denen die Zuschauer sie messen werden.

Georg Gafron, „B.Z.“-Chefredakteur: Wie arrogant zu meinen, Boulevard-Leser verstünden nichts von Politik. Immerhin stellen sie die größte Anzahl der Wähler und sind damit wahlentscheidend. Zudem zwingt der Boulevardjournalismus zu pointierteren und damit klareren Aussagen als die so genannten Qualitätszeitungen. Ausflüchte, endlose Satzwürste und ständige Relativierungen des eigenen Wortes und damit gewollte Unverbindlichkeit sind nicht drin. Ich hätte in der „B.Z.“ auch gern eine solche Konfrontation gehabt. Aber auflagenmäßig und in der Verbreitung ist „Bild“ dafür das Muss. Noch eines: Gegenüber den TV-Duellen kann Print nicht durch Showmätzchen wie ständiges Unterbrechen oder den geschickten Einsatz von Mimik und Körpersprache, die Tricks von Maske und Kamera von den Inhalten ablenken.

Ian Johnson, Büroleiter „Wall Street Journal“ Deutschland: Ich denke generell, dass diese Debatten – auch die amerikanischen – zwiespältig sind. Politiker sind schließlich geübt im Formulieren, das Gespräch verliert also irgendwie an Spontaneität. Die sachlichen Standpunkte sind ja schon vorher klar – eventuell kann man einen Eindruck vom Menschen und seiner Persönlichkeit bekommen, aber dafür ist das Fernsehen sicher besser geeignet. Allerdings wird in den USA darum immer ein richtiges Affentheater gemacht, da ist das in Deutschland noch viel entspannter. acs/nol/jbh

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