Über Scham und Schamgrenzen : Was aus der angeblichen "Lolita"-Affäre zu lernen ist

Bei der so genannten angeblichen "Lolita"-Affäre geht es um mehr als ein vorgebliches Sex- und Sport-Skandälchen. Zwar muss sich die Boulevardpresse nicht abschaffen, doch alle Beteiligten sollten daraus Konsequenzen ziehen.

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An der Schamgrenze. Im Film „Feuchtgebiete“, der auf dem gleichnamigen Roman von Charlotte Roche basiert, hat sich Helen Memel (Carla Juri) beim Rasieren im Intimbereich verletzt. Foto: dpa
An der Schamgrenze. Im Film „Feuchtgebiete“, der auf dem gleichnamigen Roman von Charlotte Roche basiert, hat sich Helen Memel...Foto: dpa

Nun hat das Landgericht Berlin, wie gestern gemeldet, eine einstweilige Verfügung gegen die Springer-Blätter „B.Z.“ und „Bild“ erlassen. Es geht um die bisherigen Berichterstattung der beiden Zeitungen über die von ihnen selbst so genannte angebliche „Lolita-Affäre“ einer minderjährigen Berlinerin mit mehreren ungenannten Spielern der Bundesligamannschaft von Hertha BSC. Den beiden Zeitungen wurde untersagt, weiterhin Fotos des Mädchens und deren offenbar ohne wirksame Zustimmung der erziehungsberechtigten Eltern gemachten Behauptungen über angebliche sexuelle Kontakte mit Hertha-Spielern zu veröffentlichen.

Der Springer-Verlag will gegen die Eilverfügung erst einmal Widerspruch einlegen. Der Verlag beharrt auch im Kern auf dem inhaltlichen Wahrheitsgehalt seiner Geschichte. Die Sache ist damit nicht ausgestanden – und schon gar nicht aus der Welt. Darum lohnt es sich, noch einmal in die ziemlich besondere Pressekonferenz vom vergangenen Sonntag im Berliner Olympiastadion hineinzuhören (im Video auf der Website herthabsc.de).

Hertha-Trainer Jos Luhukay wirkte, wie auch im Tagesspiegel eindrücklich vermerkt, ungewöhnlich ernst nach dem Heimsieg gegen den Hamburger SV.

Hertha-Trainer Luhukay: Es fehlen Normen und Werte

Und dann sagte er nach der Spielanalyse noch das: „Ich denke, dass wir alle in einer Gesellschaft leben, wo wir knallhart mit manchen Sachen konfrontiert werden, aber wo (...) Normen und Werte des Lebens nicht aufgenommen werden. Erst wenn es zu spät ist. Ich finde es schlimm aus menschlicher Sicht, auch als Vater von zwei Kindern.“ Plötzlich wurde klar, dass es hier um mehr geht als nur um ein vorgebliches Sex-and-Sport- Skandälchen.

Man versteht, dass sich ein Bundesligaverein angesichts einer Schmuddelgeschichte auch mit juristischen Mitteln wehrt – und vor seine eigenen Spieler stellt. Aber der Niederländer Jos Luhukay, der aus einem gewiss nicht prüden Land kommt, hat hier als erfahrener Fußballtrainer hinausgeblickt. Hat nicht nur über Tore und Taktik gesprochen, auch nicht geklagt. Aber angeklagt. Er hat auf die Moral der Gesellschaft geschaut.

Es geht um Sehnsüchte, Träume, Hysterien

Tatsächlich hat der Fall zwei Aspekte, über den konkreten Anlass hinaus. Einmal sind die jungen Profifußballer längst auch Popstars. Sie sind nicht mehr nur Idole für kleinere und größere Jungs, für sie schwärmen auch (immer jüngere) Mädchen. Die kreischenden Teenies imitieren dabei in Stadien, am Trainingsplatz oder vorm Mannschaftsbus das bereits gegenüber Filmschauspielern und Boygroups übliche Gehabe. Ein Spieler wie Mehmet Scholl vom FC Bayern München bekam zu seinen aktiven Zeiten schon vor allen Kameras von Schulmädchen Transparente gezeigt mit der Botschaft „Scholli, ich will ein Kind von dir“. Es sind die gleichen potenziellen Groupies, die etwa bei Popmusikern mit zum Gefolge gehören.

Ja, es geht um Sex, um Sehnsüchte, Träume, um Hysterien auch und um Geld. Um überschießendes Testosteron und übervolle Brieftaschen. Die Chefin einer der großen deutschen Publicity-Agenturen hat vor Jahren einmal bei einer Veranstaltung in der Berliner Akademie der Künste beschrieben, wie hochprominente deutsche Sportler – sie nannte einzelne Namen – abends in den Bars großer Hotels oder in Diskotheken ihre Hilfskräfte, sogenannte „Checker“, losschicken, um jungen Mädchen zu sagen, dass Herr X oder Y sie an seinen Tisch bitte. Wenn es dann nicht beim Tisch bleibt, kontrollieren die Checker sicherheitshalber oft noch die Geburtsdaten im Personalausweis der erkorenen Mädels.

Die Berichte fallen in die neue Diskussion zu Pädophilie

Da kommt der zweite Aspekt ins Spiel. Sex von Erwachsenen mit Minderjährigen ist meist strafbar, selbst in den Fällen, in denen der/die Minderjährige zwischen 16 und 18 Jahren alt ist. Die „B.Z.“ hat ihre Geschichte ab dem 22. August über mehrere Ausgaben hinweg unterm Schlagwort „Hertha-Lolita“ aufgemacht. Das betreffende (und betroffene) Mädchen war zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt, sie wurde unter dem Titel-Teaser „Das schmutzige Geheimnis einer Mannschaft“ als gleichzeitige „Geliebte“ von „mehreren Spielern“ präsentiert. Mit seitenhohen, seitenbreiten Fotos in knalligen Hotpants, mit Bildern auch im leicht verschwommenen Profil und mal mit einem das Gesicht nur teilweise verdeckenden Smartphone.

Ein 16-jähriges Schulmädchen als angebliche „Lolita“. Just in der Zeit, in der vielerorts über Kindesmissbrauch und Pädophilie öffentlich diskutiert wird. Am 24. August, nachdem Anwälte aktiv wurden und das Mädchen, wie in vielen Medien berichtet, eine eidesstattliche Versicherung geschickt habe, in dem die Kontakte mit den Spielern relativiert wurden, veröffentlicht die „B.Z.“ eine doppelseitige Selbstrechtfertigung, um nach eigenen Worten „offen und ehrlich“ über die „Hintergründe zum Lolita-Skandal“ aufzuklären. Das für Außenbeobachter hierbei Unfassliche: Die Redaktion hat zwar nach eigenem Bekunden wochenlang mit der Sechzehnjährigen geredet, hat ein eigenes Fotoshooting für die besagten Bilder arrangiert und ihr, sagt das Blatt, eine „angemessene und marktübliche Vergütung“ (!) bezahlt. Aber sie hat laut ihrer eigenen Angaben nie direkt mit den Eltern des gar nicht geschäftsfähigen Mädchens gesprochen.

Die nackten Beine sind übergroß im Bild

Aus dem Online-Auftritt der „B.Z.“ ist diese (vermeintliche) Selbstrechtfertigung inzwischen gelöscht worden. Gelöscht darin auch die Erklärung, dass die Redaktion zum Schutz der „Anonymität des Mädchens“ nunmehr darauf „verzichtet“ , den angeblich bereits „anonymisierten Kopf des Mädchens zu zeigen“. Das bedeutete praktisch: Die Betroffene war als enthaupteter Torso zu sehen, hüftabwärts in den Hotpants, die lackierten Fingernägel halb im Schoß und die nackten Beine übergroß im Bild. Eine junge Frau ohne Kopf, aber dafür mit viel Unterleib.

Die Scheinheiligkeit hat sich so zur Kenntlichkeit entstellt. Und wer Bilder lesen kann, erkennt darin auch die Ikonografie der Werbung – die bloßen Mädchenbeine steckten unübersehbar in den Turnschuhen eines populären Labels. Als Konsumenten sind Teenager längst Akteure des Markts und wecken Begehrlichkeiten. So gibt es auch das, was man ökonomische Pädophilie nennen kann.

Die angebliche Anonymisierung ist ein Witz

Die Spekulation, die Instrumentalisierung, die noch in der Amputation bestätigte Projektion und Verfügbarkeit. In der Boulevardpresse wie auch in TV-Privatprogrammen wird der kommerzialisierbare Hang zur Selbstentblößung bis hin zur möglichen Selbstzerstörung ständig zelebriert. Und junge Menschen mit scheinbar erwachsenen Körpern und den Köpfen von Kindern werden tausendfach ausgestellt, ohne Anwälte. Ohne Folgenschutz. Die angebliche Anonymisierung durch Augenbalken oder leicht verpixelte Gesichtszüge und die Abkürzung etwa von Nachnamen ist dabei persönlichkeitsrechtlich nur ein Witz. Denn aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen wissen alle sofort Bescheid.

Der Zusammenhang von Exhibition und Kommerz, bis hin zur Prostitution, ist nicht neu. Aber durch die allgegenwärtige Verfügbarkeit digitaler Bilder und Botschaften aus den intimsten Lebensbereichen nehmen die freiwillig unfreiwilligen Formen der Entblößung ständig zu. Damit steigt die Verantwortung derer, die mit diesen Bildern und Botschaften handeln. Eine Norm, deren Fehlen Jos Luhukay gemeint haben mag, wäre: die Scham. Ihre Wiederentdeckung wäre gewiss nicht das Ende des Boulevards und einer freien, der eigenen Freiheit bewussten Gesellschaft.

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