Medien : Überleben in der globalen Fernseharena

Ohne Glaubwürdigkeit hat ein Informationsangebot keine Existenzberechtigung und ist in den arabischen Ländern dem Tod geweiht

Erik Bettermann

Vor ziemlich genau einem Jahr saß ich in einem Hotelzimmer in Abu Dhabi und wollte den Tag mit einer kleinen, nicht repräsentativen Marktstudie ausklingen lassen. Mit anderen Worten: Ich wollte fernsehen und dabei schauen, was jeder Senderchef auf Reisen tut: wo nämlich das eigene Programm im Vergleich zu den Mitbewerbern steht. Auf den oberen Plätzen – nicht verwunderlich für die Region – Al Dschasira und Al Arabia, dicht gefolgt von CNN und BBC World. Schon auf Sendeplatz acht das Auslandsfernsehen der Deutschen Welle, DW-TV, gerade auf Sendung mit den arabischsprachigen Nachrichten. Auf den Plätzen 20 bis 50, unter anderen, die englischen, französischen und spanischen Programme des chinesischen Staatsrundfunks CCTV. Darauf folgten viele verschieden lokale Programme mit religiösen Sendungen, Sportkanäle, Kinderkanäle, dann Spielfilmkanäle – amerikanische und arabische. Ungefähr bei Platz 250 stieß ich auf die Kollegen von ARD und ZDF, sogar einige der dritten Programme waren im Angebot, der digitale Satellitenempfang macht es möglich.

Weit jenseits von Kanal 500 begannen die Shopping-Kanäle, die Golfkanäle und sogar treue Zuschauer von Bibel TV hätten auf ihre Kosten kommen können. Irgendwo in diesem Bereich leuchtete mir auch das grüne Logo des russischen Auslandssenders Russia Today entgegen, genauso das südkoreanische Angebot für die Welt. Arirang TV. Meine für das Fernsehen eingeplante Zeit war schon längst überschritten, trotzdem hielt ich bis zum Ende des Senderangebotes durch. Wie sich herausstellte, standen mir 1124 verschiedene Fernsehprogramme zur Verfügung. Ich hatte gerade die größte Fernseharena der Welt durchquert.

In Deutschland empfangen 70 Prozent der Fernsehhaushalte 25 Programme. In den USA sind es 100 Programme. Im arabischen Raum empfangen zwei Drittel aller Haushalte 250 Fernsehprogramme und einige – wie ich an jenem Abend selbst feststellen konnte – weitaus mehr. Niemand kann ausdauernd genug fernsehen, um all diese Kanäle zu nutzen. Und dennoch haben die kommerziellen Angebote ausreichend hohe Einschaltquoten, um ein Auskommen zu haben und die regionalen staatlichen oder öffentlich-rechtlichen Angebote genügend Zuschauer, um ihre Ausgaben rechtfertigen zu können.

Das Angebot bestätigt, was die Mediennutzungs-Studien schon lange beweisen: So wie sich die Menschen in Afrika über Radio informieren und die Südkoreaner das Internet viel mehr nutzen, als man sich das in Deutschland vorstellt, so ist der mediale Weg, um die Menschen in den arabischen Ländern zu erreichen, das Fernsehen. Dass man bei den internationalen medialen Bemühung einen großen Schwerpunkt auf die arabischen Länder legen sollte, diese Erkenntnis hat sich im Westen spätestens mit dem 11. September durchgesetzt. Ein weiterer eindringlicher Beweis dafür, dass es einige Missverständnisse auszuräumen gibt, war sicherlich der Karikaturenstreit. Das gilt zu gleichen Teilen für beide Seiten.

Nun ist Fernsehen nicht unbedingt ein dialogisches Medium. Deutsche Welle TV versucht zwar durch Kooperationen mit Sendern in der arabischen Welt eine Art Dialog zu führen. Bestes Beispiel ist die mit Abu Dhabi TV produzierte Talkshow „Meet Europe“, in der Gäste aus beiden Regionen über aktuelle Themen diskutieren. Die größte Stärke des Fernsehens liegt aber woanders: Es informiert, stellt Sichtweisen dar und schafft so die Grundlage für einen Dialog. Ohne Kenntnis des anderen ist kein Dialog möglich.

In einer globalisierten Welt hat die mediale Außenrepräsentanz eines Landes die Bedeutung einer Visitenkarte. Sie zeigt, wer man ist, was man tut und warum. Vor 20 Jahren konnte ein erfolgreicher Geschäftsmann vielleicht noch ohne Visitenkarte auskommen, heute nicht. Das ist auch der Grund, warum internationale Informationssender wie Pilze aus dem Boden schießen. Und da eine Visitenkarte nichts nutzt, wenn sie nicht gelesen werden kann, strahlen die neuen Sender ihre Angebote in den jeweiligen Landessprachen aus.

In den arabischen Ländern machte Deutsche Welle TV 2002 den Anfang, damals war das Angebot an internationalen Nachrichtensendern im Vergleich zu heute noch recht überschaubar. Großes Aufsehen erregte 2004 der Start von Alhurra, dem arabischen Fernsehsender der USA. Inzwischen senden die Südkoreaner auf Arabisch, France 24 und Russia Today sind mit eigenen Angeboten für die Region auf Sendung, BBC Arabic ist schon länger angekündigt – die BBC wurde für das Projekt und für ein ebenfalls geplantes TV-Angebot auf Persisch erst kürzlich mit einer üppigen Finanzspritze von rund 70 Millionen Pfund ausgestattet. Die neuen BBC-Programme sollen in den nächsten Monaten starten. Näheres wird man sicherlich auf der News Xchange erfahren können, der größten internationalen Konferenz für Nachrichtenmacher, die in diesen Tagen zum ersten Mal in Berlin gastiert. Auch den entgegengesetzten Trend gibt es übrigens. Es sind nicht nur die Sender aus dem Westen, die auf arabisch senden. Ägyptens Staatsfernsehen Nile TV hat schon länger ein englisches, ein französisches und sogar ein hebräisches Programm. Al Jazeera English feiert am 15. November seinen ersten Geburtstag.

Bei den internationalen Nachrichten- und Informationsangeboten gehe es um die „Deutungshoheit im Dialog mit anderen Kulturen“, schrieb der „Spiegel“ vor einigen Monaten. Und aus den Kreisen französischer Kollegen war zu hören, dass in ihren Augen die „mediale Außenrepräsentanz mittlerweile so wichtig sei wie die politische Diplomatie“. Wie sollte ich als Intendant einer der großen internationalen Rundfunkanstalten dem widersprechen? Solche Kampfansagen legen allerdings immer nahe, dass es sich bei den neuen Angeboten um reine „Propagandaschleudern“ handeln würde, die die westlichen Werte in die Köpfe der arabischen Zuschauer „eintrichtern“ sollen. Schlussfolgerungen dieser Art sind zu kurz gedacht. Kein Sender, der auch gesehen werden möchte, kann es sich heutzutage leisten, auf Propaganda zu setzen. Fernsehmacher haben es fast überall auf der Welt – und vor allem in den arabischen Ländern – mit mündigen Zuschauern zu tun, die sehr schnell merken, wenn jemand versucht, ihnen etwas vorzugaukeln – nicht zuletzt, weil sie die Möglichkeit haben, verschiedene Nachrichtenquellen zu nutzen und das auch tun. Ohne Glaubwürdigkeit hat ein Informationsangebot keine Existenzberechtigung und ist in der großen Fernseharena der arabischen Länder dem Tod geweiht.

Die Zauberworte heißen „Sichtweise“, „Blickwinkel“, „Perspektive“. Um es am Beispiel Deutsche Welle zu verdeutlichen: Unabhängig davon, ob über DW-RADIO, DW-WORLD.DE oder DW-TV, wenn die Deutsche Welle über ein bestimmtes Thema berichtet, zum Beispiel den G8-Gipfel in Heiligendamm, dann berichtet sie nach den allgemein anerkannten journalistischen Standards, also wahrhaftig und ausgewogen. Alles andere würde von den Zuschauern nicht akzeptiert. Unser Spielraum, und der aller anderen Mitbewerber auch, liegt in der Auswahl und Gewichtung der Themen. Die Deutsche Welle kann zum Beispiel beim G8-Gipfel mehr bieten als die anderen Mitbewerber, da er auf deutschem Boden stattfindet und wir das Know-How und die Infrastruktur vor Ort haben, um die bestmögliche Berichterstattung zu bieten. Ein klarer Wettbewerbsvorteil, zumindest in diesem Fall.Darüber hinaus berichtet die Deutsche Welle über die deutschen Positionen, über ihre Entstehung und die Hintergründe, ein Alleinstellungsmerkmal, das von interessierten Zuschauern honoriert wird. Deshalb ist DW-TV in den arabischen Ländern mit weitem Abstand auch das bevorzugte Medium für Informationen aus Deutschland.

Ähnliche Beispiele ließen sich natürlich für unsere Mitbewerber finden. Auch wenn die vielen neuen internationalen Informationssender auf den ersten Blick ähnlich erscheinen, so hat doch jeder seine Stärke und seine Existenzberechtigung. Wer würde über die Positionen der drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt, also Deutschlands, international ausführlich berichten, wenn nicht die Deutsche Welle? Wer über die Frankreichs, wenn nicht France 24? Sicherlich niemand. Es geht also in erster Linie um Koexistenz, nicht um Konkurrenz. Die Zielgruppen der internationalen Nachrichten- und Informationssender können ohnehin nicht die Massen sein. Zwei bis drei Prozent Marktanteil – wie sie Deutsche Welle TV zum Beispiel in Marokko vorweisen kann – sind sehr gute Werte, vor allem, wenn man weiß, dass es die so genannten Meinungsmultiplikatoren und Info-Eliten sind, die zuschauen. Zum Vergleich: n-tv hat in Deutschland einen Marktanteil zwischen 0,6 und 0,7 Prozent.

Wer sich unter tausend Sendern bemerkbar machen möchte, der muss vieles beachten. Natürlich muss die Qualität des Programms stimmen, von Vorteil ist es auch, mit seinem Programm beim automatischen Sendersuchlauf recht weit vorne aufzutauchen. Die Deutsche Welle erfüllt die Kriterien und hat eine gute Ausgangssituation in der Region. Das Publikum schätzt die öffentlich-rechtliche Qualität und die Glaubwürdigkeit. Darüber hinaus haben die Deutschen einen guten Ruf in der Region, bekannt für ihre Expertise in vielen Bereichen, nicht zuletzt den technischen.

Bei allem Respekt vor den europäischen Kollegen, die in der Stadt weilen: In der arabischsprachigen Fernseharena hat die Deutsche Welle einen kleinen Vorsprung. Wir werden versuchen, ihn zu halten.

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