Übersinnlich : Heiler und Heiland

Matthias Habich hält sich in einem ungewöhnlichen „Bloch“ für den Messias. Und Bloch stellt sich die Frage, woran er glauben will.

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Der Therapeut und der Prediger: Bloch (Dieter Pfaff, rechts) und Martin (Matthias Habich) entwerfen ihr Bild von der Welt. Foto: WDR
Der Therapeut und der Prediger: Bloch (Dieter Pfaff, rechts) und Martin (Matthias Habich) entwerfen ihr Bild von der Welt. Foto:...Foto: WDR/Frank Dicks

Die bewegendste Szene ist vielleicht die auf dem Friedhof: Da kniet Martin (Matthias Habich) vor dem Grab seiner Frau nieder, die sich vor einem halben Jahr mit dem Sturz vom Kölner Dom das Leben nahm, und er beginnt nach ihr zu rufen. Voller tiefer Verzweiflung. Immer wieder ruft er nach ihr. Und dann reißt er das Heidekraut aus der Erde des Grabes. Und beginnt, in der Erde zu buddeln, sie wegzuschaufeln mit seinen bloßen Händen. Währenddessen geht die Kamera (Hubert Schick) steil hoch in die Vogelperspektive und zeigt von hoch oben, wie dieser reife Mann in der Grabeserde seiner Frau kniet und buddelt. Der Mensch als die auf sich selbst zurückgeworfene schuldhafte Kreatur. Der Mensch als anklagendes, fragendes Geschöpf. Der Mensch, wie klein er dort unten doch in seinem irdischen Einzelschicksal ist.

Diese Bilder drängen sich während dieser aufwühlenden Szenen sofort auf. Szenen, die leicht hätten umkippen können in Kitsch und Pathos, in Sentiment und Rührseligkeit. Doch auch wenn das Drehbuch von Marco Wiersch gerade in seinen Dialogen nicht immer sattelfest ist, so gelingt es doch der Inszenierung von Regisseurin Franziska Meletzky, dass dieses Drama um Glauben oder Unglauben berührt. „Bloch – Der Heiland“, der 19. Film der langjährigen ARD-Reihe, ruht dabei ganz auf seinem Hauptdarsteller Dieter Pfaff und Matthias Habich.

Maximilian Bloch hat es von Baden-Baden in die Domstadt Köln verschlagen, wo sein Mentor Cornelius (Otto Mellies) im Sterben liegt. Der Film beginnt damit, dass Bloch ein letztes Mal am Bett des Schwerkranken sitzt, des Mannes, von dem er so viel gelernt hat, der ihm Vorbild ist. Später sitzt er allein im Gang der Klinik, als ein Arzt zu ihm kommt. Bloch, dieser stattliche Koloss, sinkt daraufhin auf dem Plastikstuhl im sterilen Klinikgang in sich zusammen. Er hat gerade einen der ihm wichtigsten Menschen verloren. Trauer und Trennung – auch davon handelt der neue „Bloch“.

Der Psychotherapeut braucht nun selbst Hilfe und Halt, und er bittet seine Lebensgefährtin Clara (Ulrike Krumbiegel), ihm aus Baden-Baden für ein paar Tage nach Köln zu folgen. Tags darauf ist sie da. Und sie hält ihn. In seinem Testament bittet Cornelius seinen Schüler Bloch, das geräumige Haus aufzulösen, mit all den vielen Büchern und Antiquitäten. Bloch nimmt sich dieses Wunsches an, und er organisiert auch die Beerdigung seines alten Freundes. Schon am nächsten Morgen steht eine junge Frau vor seiner Tür, Judith (Catherine Bode) heißt sie, die eigentlich zu Cornelius wollte. Sie erzählt Bloch von ihrem Vater Martin, der jeden Tag vor dem Kölner Dom steht, mit einem riesigen Holzkreuz, dort predigt und sich selbst für den Heiland hält, für Gottes Sohn. Sie erreiche ihren Vater nicht mehr, habe Angst, dass er einem Wahn verfalle. Martin, der seine ungläubige Tochter wegstößt, glaubt Wunder vollbringen zu können. Und so sammelt sich Tag für Tag eine kleine Schar von Menschen um ihn, es mag das biblische Dutzend sein, um ihm zuzuhören. Einmal inszeniert Franziska Meletzky das so, dass sie die Gruppe aus der Ferne zeigt, diesmal nicht stehend im Seitenportal des Domes, sondern sitzend, auf einem Sims entlang des Doms. Martin sitzt in der Mitte. Und es mag beinahe anmuten wie Jesus und seine zwölf Apostel beim Abendmahl. Und natürlich muss sich auch Bloch fragen, ob, an wen oder was er glaubt. Denn mit normalen Methoden scheint er Martin nicht beizukommen.

Wie sehr auch Martin von seinen Verletzungen und seelischen Wunden geprägt und angetrieben ist, das zieht sich auf subtile Weise durch diesen ungewöhnlichen Film. Und dass Verzeihen einer der wesentlichen Schlüssel ist, um leben zu können. Für Martin, den Vater. Für Judith, die Tochter. Für Bloch, auch. Trotz all seiner religiösen Spiritualität ist dieser „Bloch“ dabei ganz nah am irdischen Leben. Das mag, trotz allem, tröstlich sein.

„Bloch – Der Heiland“, 20 Uhr 15, ARD

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