Ukrainische Farbenspiele : „The Other Chelsea“, Arbeiter und Oligarchen

Der von der ZDF-Redaktion „Das Kleine Fernsehspiel“ geförderte Film ist ein Glücksfall: Er zeigt ein unvoreingenommenes, vielschichtiges Stimmungsbild aus dem Donbass, dem Kohle- und Industrierevier der Ukraine.

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Die Einfahrt in den Schacht sieht aus wie das Tor zur Hölle. Die Bergleute ducken sich, bevor sie unter dem quietschenden Eisentor hindurch in die Finsternis eintauchen. Alles wirkt hier in dieser Kohlegrube von Donezk, im Osten der Ukraine, marode und verrostet. Doch der maximale Kontrast ist nicht weit entfernt: Rinat Achmetow, ein aus Donezk stammender, Milliarden schwerer Oligarch, ließ eine moderne, kuxuriöse Fußball-Arena für Schachtjor Donezk bauen. Mit teuren Brasilianern hat Achmetow den Klub zu einer europäischen TopMannschaft hochgetunt, die 2009 den Uefa-Pokal gewann. Die Bergleute (und Schachtjor-Fans) hoffen darauf, dass er auch in ihren Schacht investiert, doch daran zeigt Achmetow kein Interesse.
Der Berliner Filmemacher Jakob Preuss, 35, hatte Glück: Die Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm „The Other Chelsea“ – in Anspielung auf den vom russischen Oligarchen Roman Abramowitsch finanzierten FC Chelsea aus dem Londoner Nobel-Viertel – fielen ausgerechnet in die Zeit des Schachtjor-Triumphzugs 2009. Der von der ZDF-Redaktion „Das Kleine Fernsehspiel“ geförderte Film ist ohnehin ein Glücksfall: Preuss gelingt ein unvoreingenommenes, vielschichtiges Stimmungsbild aus dem Donbass, dem Kohle- und Industrierevier der Ukraine, wo die Hausfrauen Torten backen, die „Abbauberg“ heißen. Und wo die Orangene Revolution von 2004 keinen Rückhalt hat und sich die Menschen lieber einem starken Russland anschließen wollen. Hier zählt nur Blau, die Farbe der „Partei der Regionen“ von Achmetow-Freund Viktor Janukowitsch, der während der Dreharbeiten noch in der Opposition, mittlerweile aber wieder Staatspräsident der Ukraine ist.
Achmetow und Janukowitsch sind im Film nur von weitem zu sehen, als harmlose Grüß-Onkel. Filmautor Preuss begleitet stattdessen den 28-jährigen Kolja, einen jungen, ehrgeizigen Politiker der Blauen, der zwar bei der Stadt angestellt ist, aber erstaunlich viel Geld als Bau-Unternehmer zu verdienen scheint. Unter einer imposanten Bilder-Galerie von Stalin bespricht Kolja in seinem Dienstzimmer auch schon mal mit seiner Inneneinrichterin, wie die Gardinen in seiner neuen Villa beschaffen sein sollen. Einerseits präsentiert er stolz seinen Reichtum, andererseits bemüht er sich nach Kräften, als braver Diener des Volkes rüberzukommen. Eine Zerreißprobe, komisch und gruselig zugleich, und ein eindrucksvolles Porträt aus der Welt der Oligarchen.
Im Gegensatz dazu steht die Welt der Arbeiter: Des treuen Fußball-Fans Sascha, der sein ganzes Erspartes plündert, um zum Finale nach Istanbul zu reisen. Oder der handfesten Walja, einer üppigen Blondine, die im Bergwerk die Schalthebel fest im Griff hat. Wunderbar, wie ihr gutmütiger Freund Stepanowitsch in in seiner Elektro-Werkstatt über sich, die Ukraine und die Politiker philosophiert. Manchmal tanzen Walja und Stepanowitsch; und manchmal wird einem sogar der zwielichtige Kolja fast sympathisch. Preuss versetzt sein Publikum mitten hinein in diese widersprüchliche ukrainische Welt.
„The Other Chelsea“; ZDF, 0 Uhr 20

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