Medien : Ulrich Wickert: Das Thema des Tages

Joachim Huber

Also schrieb Ulrich Wickert in der Illustrierten "Max": "Bush ist kein Mörder und Terrorist. Aber die Denkstrukturen sind die gleichen" - die Denkstrukturen von Osama bin Laden und US-Präsident George Bush. Also erklärte NDR-Fernsehdirektor Jürgen Kellermeier: "Ulrich Wickert hat Unfug geschrieben. Er hat den Fehler eingesehen und sich dafür, auch öffentlich, entschuldigt." Der "Tagesthemen"-Moderator habe seine Äußerung als "missverständlich und misslungen" bezeichnet und mit Bedauern zurückgenommen. "Damit", so Kellermeier, ist die Sache erledigt. Natürlich erwarten wir, dass sich derlei nicht wiederholt." Das ist freundlicher formuliert als es gemeint ist: Ulrich Wickert hat die Gelbe Karte gesehen, beim nächsten verbalen Foul werden sich Kellermeier, der NDR und die ARD nicht mehr vor ihren "Tagesthemen"-Moderator stellen. Dann muss Wickert sofort gehen. Sein Vertrag läuft noch bis Ende 2002.

Was Kellermeier & Co. irritiert, ist die mangelnde Weitsicht von Wickert. "Hätte er diese Reaktionen nicht vorher sehen können?", fragten sich nicht wenige Mitarbeiter von ARD-aktuell in Hamburg-Lokstedt, der Redaktion im Zuständigkeitsbereich des NDR, die für das erste Fernsehprogramm "Tagesschau" und "Tagesthemen" produziert. Immerhin sei Wickert mit seinen 58 Jahren nicht mehr ganz neu im Mediengeschäft. Im Nachhinein zeige der Anchorman zwar Einsicht, doch sind Zweifel laut geworden, ob Einsicht und Weitsicht sich in seiner Person verbünden. Der ARD-Mitarbeiter leidet erkennbar unter Mitteilungsdrang. Er publiziert Bücher, auch Bestseller, in rascher Folge, zuletzt brachte er den Titel "Zeit zu handeln. Den Werten einen Wert geben" heraus; er schreibt für die Zeitung "Die Woche", er schreibt für die Illustrierte "Max". Inhalt und Tonlage der Wickertschen Texte schwanken zwischen Welterklärung und Weltverbesserung. Keine ungefährliche Mischung.

ARD-aktuell ist Wickert sehr weit entgegengenkommen. Die "Tagesthemen" vom Donnerstag wurden für eine Erklärung des Moderators geöffnet. "Ich stelle noch einmal ganz eindeutig fest: Ich vergleiche den Führer der freien Welt nicht mit dem Drahtzieher des internationalen Terrorismus", sagte Wickert in Absprache und mit Billigung der Chefredaktion. Der Presse, die sich des Themas am Donnerstag in großer Ausführlichkeit annahm, sollte der Wind aus den Segeln genommen: Lieber vorher erklären und entschuldigen als nachher. "Ich nehme die Formulierung mit Bedauern zurück und entschuldige mich dafür," sagte Wickert. Nach bisherigem Stand hat Wickert einmal geschrieben und sich dafür drei Mal entschuldigt. Sein "Unfug" ist ein herber Schlag für das Prestige der Sendung: die "Tagesthemen" verstehen sich als seriöse, unabhängige Nachrichtensendung, ihre Moderatoren, Ulrich Wickert und Anne Will, sollen zuerst Nachrichten transportieren, nicht persönliche Einsichten und Ansichten zur Weltlage. Der Publizist Wickert kann sich außerhalb der Sendung äußern, bitte schön und als Rückkoppelung für die "Tagesthemen"-Quote akzeptiert, aber Inhalte und die Form seiner Äußerungen sollen nicht auf die "Tagesthemen" zurückfallen. Dagegen hat Wickert verstoßen, dafür wurde er verwarnt.

Hinter Moderator und Redaktion formierten sich am Donnerstag Feind und Freund. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel sagte, dass die Entschuldigung des ARD-Moderatoren am Vorabend in den "Tagesthemen" nicht ausreiche. Am höchsten türmte sich die Empörung im Süden der Republik. Die bayerische Staatsregierung hielt die Entschuldigung des "Tagesthemen"-Moderators Ulrich Wickert für seine umstrittenen Formulierungen über Bush für nicht ausreichend. Der bayerische Staatskanzleichef Erwin Huber (CSU) forderte die ARD zu Konsequenzen auf. Mit Wickerts "gefährlichen und unbegreiflichen Äußerungen" werde nicht nur "der Sendung Tagesthemen, sondern der gesamten ARD schwerer Schaden zugefügt", sagte der Politiker. CSU-Generalsekretär Thomas Goppel kritisierte den Bayerischen Rundfunk: Auch von dessen Intendanten hätte er sich eine deutliche Stellungnahme gewünscht. Wickerts Entgleisung hätte die Laufbahn jedes Politikers sofort beendet.

ARD-Politik-Koordinator Hartmann von der Tann hielt dagegen. Manche Politiker nutzten den Vorfall, um "persönliche Rechnungen" zu begleichen. Wickerts Entschuldigung in den "Tagesthemen" sei mit der ARD abgesprochen gewesen. Er erwarte keine weiteren Konsequenzen und meinte zudem, dass der Vorfall nicht Angelegenheit des NDR-Rundfunkratsrats sei, da es sich nicht um Äußerungen zum Sender gehandelt habe. Die CDU will nicht eher ruhen, bis sich das NDR-Gremium mit dem Casus Wickert befasst hat. Gar nicht so überraschend bekam der Moderator Beistand von der PDS. Deren stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bundestag, Wolfgang Gehrcke, warf CDU-Chefin Merkel vor, "mit ihrem Maulkorb-Vorstoß Angst erzeugen" zu wollen.

Ulrich Wickert selbst wollte sich nach Angaben von NDR-Sprecher Martin Gartzke nicht erneut zu den Vorwürfen äußern. Ob er an seinen Moderationen schrieb oder an neuen Artikeln, blieb ungeklärt.

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