Umgang mit Rechtspopulisten : Raus aus der Abwertungsspirale

Mit Rechten reden und mit Rechtspopulisten streiten – aber wie? Vorschläge aus kommunikationspsychologischer Perspektive.

Bernhard Pörksen
Pegida-Anhänger in Dresden.
Pegida-Anhänger in Dresden.Foto: dpa/Jan Woitas

Wie, so lautet die Eine-Millionen-Euro-Frage eines verständigungsorientierten Diskurses spätestens seit dem Abend der Bundestagswahl, lässt sich im Umgang mit Rechtspopulisten die richtige Mischung aus Gesprächs- und Konfrontationsbereitschaft entdecken, die sinnvolle Balance? Denn beides ist nötig, das Gespräch und die Abgrenzung, das Bemühen zu verstehen und die Definition von roten Linien. Wer nur belehren möchte, der begreift nicht. Wer sich nur moralisch aufplustern will, der hört letztlich nur sich selbst, die eigene, dröhnend vorgetragene Überzeugung. Und wer jeden Schwachsinn als wertvollen Dialogbeitrag lobt, der macht womöglich völkisches Denken salonfähig und gibt Rassisten die große Bühne. Das ist das Dilemma, das man nicht sauber auflösen kann, aber mit dem man doch mit allen Risiken des Scheiterns umgehen muss.

Vielleicht helfen beim Bemühen um die angemessene Haltung sechs Prinzipien der Kommunikation. Das erste Prinzip besteht in einer Einsicht: Die Strategie der pauschalen Stigmatisierung ist gescheitert und viel zu häufig kontraproduktiv. Wer meint, die AfD werde gleich wieder Stimmen verlieren, wenn man sie gemeinsam mit den Ostdeutschen in einen Sack packt und einfach nur verbal verprügelt und alle Beteiligten, wie geschehen, wahlweise als Nazis oder als Müll etikettiert, der übersieht zweierlei.

Zum einen haben 60 Prozent der AfD-Wähler die Partei, in der sich Gemäßigte, Rechtsradikale und Rechtsextremisten gleichermaßen finden, aus Protest gewählt – und nicht weil sie von der Kompetenz des AfD-Personals überzeugt sind. Zum anderen erzwingt die pauschale Abwertung bei den womöglich nur diffus Überzeugten überhaupt erst die klärende Positionierung. Sie erzeugt eine Solidarität, die es zuvor nicht gab. Und sie gibt einer von Hass und Intrigen zerklüfteten Partei erst jenes Wir-Gefühl, das sie sonst gar nicht hätte.

Unabhängig davon gilt: Niemand öffnet sich der Debatte und lässt Zweifel zu, wenn man ihn gerade als demokratieunfähigen Ostdeutschen oder wahlweise auch als abgehängten, alten Trottel verhöhnt hat oder gleich als White Trash. Das zweite Prinzip: je mehr Dialogversuche mit den Anhängern und Mitläufern, desto besser. Damit ein Dialog jedoch überhaupt gelingen kann, muss man mit möglichst vielen Ohren zuhören und zum Hermeneuten der Wut werden, der erst zu begreifen versucht, was überhaupt gemeint ist und womöglich hinter den Parolen steckt. Diese Verstehensversuche als verdeckte oder offene Form der Sympathiekundgabe unter Verdacht zu stellen ist zumeist falsch, aber manchmal kippt das Verstehen tatsächlich in ein vorschnelles Einverständnis um.

Der Dialog stellt kein Allheilmittel dar

Deshalb lautet das dritte Prinzip: Es gibt keine Fertigrezepte mit Sofort-Wirkung. Wer meint, das Miteinander-Reden erzeuge stets präzise kalkulierbare Positiv-Effekte, der sitzt einer falschen Vorstellung von Kommunikation auf. Er glaubt an eine Art Pseudomathematik des Sozialen, die Illusion diskursiver Berechenbarkeit. Und auch der Dialog stellt kein Allheilmittel dar, aber er bietet im Gegensatz zur selbstgerechten Ausgrenzung definitiv die bessere Lösung. Manchmal ist jedoch auch der Gesprächsabbruch das Gebot der Stunde.

Und mitunter braucht es die Attacke, die unmissverständlich benennt, was einen anekelt und anwidert. Grundsätzlich für das Gespräch zu votieren, heißt also nicht, auf Schärfe zu verzichten, sondern auf die diffamierende, oft falsche Sofort-Einordnung des politischen Gegners. Und es bedeutet, das Grundmuster der Polarisierung nicht unnötig zu bedienen, das der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun einmal zu der Formel verdichtet hat: „Ich bin das Ideal - und du bist der Skandal!“

Das vierte Prinzip: Je sachlicher und konkreter, desto erhellender. Rechtspopulisten profitieren von der Daueraufregung um ihre Provokationen, sie leben vom Sauerstoff der Publizität. Und sie üben sich seit Langem darin, die Kränkung der Anhänger als Beleg für die Kaputtheit des Systems zu deuten, als Indiz für die Borniertheit der Eliten und die Manipulationsbereitschaft der Lügenpresse. All das kann man in ihren Strategiepapieren nachlesen – warum ihnen also den Gefallen tun und das Spiel mit Empörungsreflexen mitspielen?

Foren des echten Austausches

Es braucht für die Debatte und den Disput die gute Vorbereitung, informierte Nachfragen, Foren des echten Austausches und klärenden Disputs, die Widersprüche und programmatische Unzulänglichkeiten sichtbar machen, zum Beispiel in Form von ausführlichen Gesprächssendungen in der Tradition des legendären Günter Gaus, der es vermochte, Personen und Programme im Interview zu porträtieren. Das fünfte Prinzip ist ein Aufruf zur sorgfältigen Unterscheidung. Es lautet: Die Anführer sind nicht die Wähler. Wer dies nicht auseinander hält, der produziert unerwünschte Solidarisierungseffekte, die auch jene an den Rändern festfrieren, die vielleicht schwanken oder einfach nur mit ihrem Wahlzettel eine Protestnote einreichen wollten.

Das sechste Prinzip: Ignoranz ist illusionär. Man kann heikle Themen – die nachlässige Registrierung von Flüchtlingen, den Politikwechsel unter Angela Merkel zwischen September 2015 und September 2017 und so weiter – nicht dadurch erledigen, indem man sie offensiv beschweigt. Menschen sind Experten bei der Entlarvung von Verdruckstheit und Heuchelei. Sie bemerken, wenn aus taktischen Gründen die offene Rede gemieden wird. Und sie registrieren mit feinen Antennen, ob man sie tatsächlich hört.

Überdies besteht der einzige Effekt einer vielleicht einfach nur bequemen Ignoranz von Themen darin, dass diese in ein von Rechtspopulisten regiertes Mediensystem abgedrängt und hier auf eine Weise diskutiert werden, die einem womöglich aus guten Gründen missfällt. Das heißt: Es gilt, Resonanzräume der Debatte zu schaffen und zu bewahren, in der man im Vertrauen auf das bessere Argument und die Vorzüge der offenen Gesellschaft streiten kann.

Womöglich braucht es den öffentlich ausgetragenen Disput nach dem Vorbild der Schlichtungen um Stuttgart 21, so hat kürzlich Frank Richter vorgeschlagen, einst Chef der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und selbst ein Meister der behutsamen Gesprächsführung. Die öffentliche Mediation bei Konfliktthemen, so seine Idee. Ob das reicht? Kommunikation kann schiefgehen, sagt Richter. Nicht-Kommunikation wird schiefgehen.

Den ganzen Schmerz sichtbar machen

Und was wäre, im Ernst gefragt, die Alternative zu der Sisyphusarbeit des Versuchs? „Während die guten Linken immer noch sitzen und über eine gelungene Gesprächsführung mit Schlägern, Brüllern und Menschenhassern nachdenken“, schrieb kürzlich die Schriftstellerin Sibylle Berg, „spielt draußen das gute alte Liedgut, die ersten Schaufenster werden beschmiert und Fahnen gehisst.“

Die Zeit des Redens sei vorbei, so ihre These. Sibylle Berg liegt falsch. Denn die Form des richtigen Redens gilt es gerade jetzt erst zu entdecken – dies in einem gesellschaftlichen Moment, in dem die alten Stigmatisierungstechniken nicht mehr greifen und ihre kontraproduktiven Wirkungen sichtbar werden. Und vielleicht liegt hier, in der reichlich späten Aneignung des kommunikationspsychologischen Basiswissens, das entscheidende Versagen der gesellschaftlichen Mitte. Aber wie könnte man feststellen, ob der Diskurs wirklich gelungen ist und nicht lediglich ein Symptom einer neuen Form von Ignoranz?

Es gibt dafür, jenseits aller Prinzipien, einen einfachen Test. Es muss in diesem großen, öffentlichen Gespräch möglich sein, den ganzen Schmerz sichtbar zu machen, nicht allein die Angst und die Verletzung spezieller Gruppen. Was ist mit der Rede von dem ganzen Schmerz gemeint? Damit ist gemeint, dass auch die Erfahrungen derjenigen, die wegen ihres Aussehens, ihrer Hautfarbe oder sonst irgendeines anderen Merkmals angegriffen und abgewertet werden, ihre Geschichte erzählen können.

Das Leid der Diskriminierung, das Menschen in diesem Land aus den unterschiedlichsten Gründen erfahren, muss vorkommen können. Denn ohne dies wäre das Bild deutscher Zustände des Jahres 2017 unvollständig und auch der Dialog im Letzten nichts wert.

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Anfang 2018 erscheint sein neues Buch „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“ im Hanser-Verlag.

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