Medien : Umsonst – und gut so

20 Jahre schwullesbische „Siegessäule“ in Berlin

Ariane Bemmer

Als es losging, hieß das Aids-Virus noch HTLV II und der Berliner Innensenator Heinrich Lummer. Was man sein wollte, war ein Infoblatt für das schwule Berlin rund um den Tiergarten. Das war 1984.

20 Jahre später ist die „Siegessäule“ das größte schwullesbische Stadtmagazin in Europa: Aus der Hinterhofmannschaft, die nach Feierabend ein 16-seitiges Schwarzweißheft zusammenschusterte, wurde eine professionelle Redaktion, die gerade aufwendig renovierte Räume in einem historischen Kutscherhaus in Berlin- Kreuzberg bezogen hat, die monatliche Auflage hat sich auf 44000 nahezu verachtfacht – und statt wie anfangs eine Mark kostet das rund 100-seitige Farbheft heute gar nichts. Es liegt in 697 Bars, Restaurants, Clubs, Frisörläden und an sonstigen Orten aus, die Leute nehmen es einfach mit. Es ist die Ausgeh-Bibel der geschätzten 250000 homosexuellen Berliner und Souvenir für Touristen.

Es ist „zu 100 Prozent anzeigenfinanziert“, sagt Anzeigenchef Bernd Offermann. 400 kommerzielle Einzelkunden und 600 private Kleinanzeigen kommen im Schnitt pro Ausgabe zusammen. Die Anzeigenpreise liegen bei rund 3000 Euro für eine ganze Seite. Zum Vergleich: Im Berliner Stadtmagazin „Tip“ (Druckauflage rund 90000) kostet eine Seite bis 4900 Euro. Für 14 Tage.

Die „Marke Siegessäule“ sei eben etabliert, sagt Offermann. Das zeigte sich schon 1989, als man kurzzeitig mit einer Nürnberger Schwulenzeitung zusammen unter dem Titel „Magnus“ erschien. Das Publikum heulte auf, gebt uns die „Siegessäule“ zurück. Kurz darauf übernahm der Kölner Verleger Reiner Jackwerth. Seitdem ist die Zeitschrift umsonst. Schrittweise hat Jackwerth, der außerdem für das Großkunden-Kaufhaus Metro und die Fluggesellschaft LTU Kundenmagazine herstellt, den Titel ausgebaut. Es gibt halbjährlich einen „Siegessäule Kompass“, ein schwullesbisches Branchenbuch, und seit neuestem „L. mag“, ein Gratis-Magazin für lesbische Frauen und Mädchen. Wer in der „Siegessäule“ inseriert, riskiert kaum Streuverluste. Nur zehn Prozent der Leser sind heterosexuell.

Der ausführliche Programmteil nennt Veranstaltungen von und für Homosexuelle, Partys, Vorträge und Kinofilme nur dann , wenn sie speziell zum Thema gehören. Seit acht Jahren ist man „queer“, also schwul und lesbisch, was der paritätisch besetzten Chefredaktion auch Probleme bringt. „Man muss über das Ältere-Lesben-Wohnprojekt und die junge schwule Fetischparty berichten“, sagt Chefredakteurin Manuela Kay. Und beides kritisch. Das sei nicht immer einfach, die Leserschaft sei sehr vereinnahmend.

Aus diesem engen Draht zur Szene zieht mancher auch die falschen Schlüsse. Kays Kollege Peter Polzer sagt, dass häufig Talkshow-Produzenten anriefen, wenn sie junge Schwule mit Putzfimmel oder Ähnliches für ihre Sendungen suchen.

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