Umzug : dpa zieht zu Springer

Die Nachrichtenagentur dpa zieht nach Berlin – an den Verlagssitz der Axel Springer AG

Markus Ehrenberg

Wenn die größte deutsche Nachrichtenagentur von Hamburg nach Berlin, in die deutsche Hauptstadt, ziehen will, ist das zunächst mal eine normale Sache. Agenturen sind Nachrichten-Großhändler, an denen Hunderte von Redaktionen in Print, Radio und Fernsehen hängen – diesen Großhandel dort zu zentralisieren, wo die politische Musik spielt, ist sinnvoll. Überrascht hat die Medienrepublik diese Woche allerdings die Meldung, wo genau die Deutsche Presse-Agentur (dpa) in Berlin ihre neuen Zelte aufschlägt: in der Axel-Springer-Passage an der Markgrafenstraße. Die Zentralredaktion der dpa bezieht im Haus des größten deutschen Zeitungsverlages neben diversen Cafés einen Newsroom über ein Stockwerk mit 3 500 Quadratmetern.

Eine freie Entscheidung. Eine gute Entscheidung? Die rund 190 Gesellschafter der dpa sind Medienunternehmen wie Verlage und Rundfunkanstalten. Damit decken sich Gesellschafter und Kunden der Agentur zum Teil. Nun wird ein großer Kunde der Agentur, der Axel Springer Verlag mit seinen Zeitungen wie „Welt“ oder „Bild“ gleichzeitig ihr Vermieter. „Ich kann die Bedenken derjenigen verstehen, die das für problematisch halten“, sagt Wolfgang Krach, stellvertretender Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“. Nicht, weil er glaube, dass dpa künftig den Springer-Verlag und seine Zeitungen anders behandeln würde als andere Kunden, „sondern vielmehr, weil dpa selbst in die Situation kommen könnte, seine Unabhängigkeit von Springer extra erklären zu müssen“. Springer sei künftig nicht nur dpa-Kunde, sondern zugleich Vermieter. „Also gibt es – rein geschäftlich gesehen – eine doppelte Abhängigkeit.“

Ähnlich sieht das der Deutsche Journalisten-Verband (DJV). „Möglicherweise ist der Mietpreis bei Axel Springer konkurrenzlos günstig. Dass die dpa auf Mietkosten achtet, ist nicht zu kritisieren“, sagt DJV-Sprecher Hendrik Zörner. Die dpa müsse nach dem Umzug aber penibel darauf achten, dass sie nicht als Springer-Anhängsel wahrgenommen wird. An der Unabhängigkeit der dpa-Berichterstattung dürfe auch künftig kein Zweifel aufkommen. „Die dpa steht für Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit wie kaum eine andere journalistische Institution“, sagt dazu Wolfgang Büchner, der Wilm Herlyn zum Jahresende als dpa-Chefredakteur ablösen soll. „Unabhängigkeit ist für mich keine Frage des Standortes und keine Frage des Mietvertrages.“ Das glauben auch „Spiegel“-Chef Georg Mascolo („Die Kollegen der dpa sind klug genug, die Distanz zu wahren, egal beim wem sie nun Untermieter werden“) und Elena Geus, Chefin vom Dienst bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („Die F.A.Z. wird Agenturen auch weiter nach ihrer inhaltlichen Qualität, nicht nach ihrem Standort beurteilen. Ob sich die Berichterstattung nach dem Umzug verändert, werden wir aufmerksam verfolgen“). Die „Berliner Zeitung“ wollte den Sachverhalt nicht kommentieren. Mit der Entscheidung, in die Axel-Springer-Passage zu ziehen, wird dpa – auch wenn sie Kostengründe anführt – unter besonderer Beobachtung ihrer Kunden stehen. Nach dpa-Angaben sind bis zu 300 Mitarbeiter von der für den Zeitraum Juni bis Juli 2010 geplanten Zusammenlegung betroffen, davon etwa 170 in Hamburg, 30 in Frankfurt/Main und 100 in Berlin.

Die dpa war jüngst unter Druck geraten, weil der Essener WAZ-Konzern für seine vier in Nordrhein-Westfalen erscheinenden Tageszeitungen um die „Westdeutsche Allgemeine“ Verträge mit der dpa auslaufen ließ. Mit Springer hatte das nichts zu tun. Die WAZ argumentierte, die dpa habe für die Ansprüche des Konzerns kein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Markus Ehrenberg

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