Medien : Und dann ist die Pille in der Hütte

Kurt Sagatz

Mein Handy ist zugleich ein Radio, ein sehr komfortables dazu. Wenn ich auf „Auto-Speichern“ drücke, sucht es in zehn Sekunden automatisch nach allen Sendern, die es finden kann. Meistens benutze ich es auf dem Fahrrad, obwohl man auf dem Rad kein Radio hören darf, zumindest nicht mit Kopfhörern. Hier in der Redaktion darf ich es freilich auch nicht, nicht wegen der Straßenverkehrsordnung, sondern weil hier gearbeitet werden muss.

Doch an diesem Freitag, zum vorgezogenen Finale gegen Argentinien, wer will da schon etwas sagen? Darum habe ich heute das Spreeradio eingeschaltet. Weil man dort damit wirbt, alles fünf Sekunden früher zu hören. Früher als im Fernsehen, weil das TV-Signal etwas länger braucht, bis es seinen Weg über den Satelliten oder was auch immer zum Fernseher findet. Anfangs waren mir diese fünf Sekunden herzlich wurscht. Da erfreute ich mich an den Wortschöpfungen der beiden Radiokommentatoren – beim Spreeradio teilen sich Gerhard „Willi“ Willmann und Stefan Galler den aufreibenden Job.

Im Radio geht es nicht nur hektischer zu, auch die Sprache ist offenbar eine andere. Wenn der Ball ins Aus geht, ist eben „die Pille weg“. Greift sich ein Spieler nach einem Foul ans Bein, so hält er sich „den Huf“. Gut gefällt mir auch der Ausspruch, dass ein Ball „über die Hütte“ gegangen ist, obwohl es dem Spiel anfangs gerade an diesen „schnackligen“ Szenen fehlte. Die Deutschen hatten eben große Probleme, die Pille „reinzumurmeln“, bis dann „die Gauchos“ die „Hütte gemacht“ haben. An die Radiosprache kann man sich gewöhnen, nicht jedoch an die fünf Sekunden Zeitverzögerung zwischen der Radioübertragung und dem Fernsehbild, bis man sieht, was man hört, und dann glaubt, was man sieht. Denn zu glauben, was da am Freitagabend im Berliner Olympiastadion geschah, das wird ein paar Tage brauchen – doch das hat nicht allein etwas mit Radio oder TV zu tun.

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