Medien : Und Jay Tuck schaut aufs Mittelmeer

Kerstin Decker

DER KRIEG IM FERNSEHEN

Harald Schmidt machte den „Großen Kriegsberichterstatter-Test“: Frisur, Outfit, Hintergrund, Nerven, Gesamtpunktzahl. Antonia Rados von RTL gewinnt. Sie hat die längsten Haare von allen, und die wehen immer schwarz und live im Sandsturm von Bagdad. Manchmal, bei Rückenwind, sieht Antonia Rados vor lauter Haaren gar nichts mehr, übel für eine Korrespondentin, aber trotzdem: Sieg. Am schlechtesten schnitt der „embedded correspondent“ Jay Tuck ab. Er trägt nur Mütze, keine Haare. Tuck ist stationiert auf einem Flugzeugträger und bekam darum für den „Hintergrund“ die Höchstpunktzahl: das Mittelmeer.

Bei der BBC ist das anders. Die BBC hat einen schönen Kriegstrailer. Zu Entspann- dich!-Musik sehen wir einen Sonnenuntergang auf Flugzeugträger mit Kanone. Ohne Tuck, überhaupt ohne Mannschaft, das ist romantischer. Es gibt auch Kamele, die mit diesem typisch wiegenden, kriegsresistenten Kamelschritt über eine Wüstenstraße laufen, und dann erst kommen die Panzer. Könnte fast die Reklame eines Reiseveranstalters sein, gehört aber schon zu den BBC-News.

Am Abend interessiert sich keiner mehr für Flugzeugträger, da werden wir zu Experten im Häuserkampf ausgebildet. Ein Stadtteil von Bagdad ist rot umrandet, und wir erfahren, wie man den jetzt einnimmt. In der ARD ist die Unterweisung viel kürzer: „Haus für Haus und sehr vorsichtig!“ Und es wird bestimmt auch viel schwieriger, zwischendurch Interviews zu geben. Bisher war das ungefähr wie beim Fußballspiel. Wie die Spieler hinterher, schweißnass, das Spiel erklären, unterbrechen Soldaten kurz ihr Kriegshandwerk fürs Publikum. Experten nennen das schon die Sportifizierung der Kriegsberichtserstattung. Sie findet vor allem auf den Kanälen der kriegsführenden Länder statt.

Denn bei uns fällt doch eher etwas anderes auf: kein Bild ohne mitgeliefertes Misstrauensvotum. Ohne den Echtheitszweifel. Wir lernen, was man sonst im Krieg nie lernt: dass es nichts Trügerischeres gibt als Bilder. So tief also sitzen die Bilder-Lehren aus dem ersten Irak-Krieg, nicht nur, was Iraker betrifft, die angeblich Neugeborene aus kuwaitischen Brutkästen warfen. Sogar das Vorabendserienpublikum wird zu Medien-als-Täuschungsexperten angesichts der Präzisionstrefferfotos der „chirurgisch sauberen Kriegsführung". Und „Kollateralschaden" ist schon zum volkstümlichen Hohnwort geworden. Der Krieg funktioniert als Aufklärung. Das ist wirklich neu. Und Harald Schmidt ist nur die Radikalvariante dieser Aufklärung, an der Grenze des Erträglichen, wo sonst? Dabei ist die Macht der Bilder nicht gebrochen, schon weil Erinnern auch Bilderdenken ist.

Häuserkampf. Haben wir die Bilder nicht noch vor uns? Die Stalingrad-Filme zum 60. Jahrestag der vernichtendsten Schlacht des Zweiten Weltkriegs haben sie eben noch gezeigt. „Rattenkrieg“ nannten die Soldaten den Häuserkampf.

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