Und was hörst Du? : Arno und der schöne Morgen

Aktuelle Zahlen zum Hörermarkt Berlin-Brandenburg: Radio Eins erholt sich vom Frühjahrsschock, 104.6 RTL überholt Antenne Brandenburg als Marktführer.

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Foto: Grafik: Tsp

Nennen wir es Delle, Ausrutscher, einen einmaligen Vorgang. Radio Eins, der Sender „nur für Erwachsene“, hatte im März, bei den Zahlen der Media-Analyse (MA) Radio 2011/I, schier unglaubliche 30 Prozent seiner Hörer eingebüßt. Jetzt, da die Daten aus der Radio MA 2011/II vorliegen, kann das Programm des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) einen Zuwachs von beinahe 39 Prozent melden. Diese Veränderung kann nichts mit den personellen Veränderungen an der Radio-Eins-Spitze zu tun haben. Die Umfragen für die aktuelle Radio MA fanden im Herbst 2010 und im Frühjahr 2011 statt, da hieß der Chef noch Florian Barckhausen; er ist mittlerweile in den Ruhestand gegangen, Robert Skuppin hat übernommen.

Die rasche Genesung der RBB-Welle ist eine Sensation, die andere liefert 104.6 RTL. Das Privatradio ist Marktführer in Berlin-Brandenburg geworden; 208 000 Hörer in der Durchschnittsstunde ist die Marke, die kein zweites Programm erreicht. Arno Müller hat in seinem 20. Jahr als Programmdirektor und Morning-Show-Macher seinen größten Erfolg erzielt. Das RTL-Radio hat damit nach zwölf MA-Runden Antenne Brandenburg von der Spitze verdrängt. Diese Welle wird vom RBB veranstaltet. Der öffentlich-rechtliche Sender ist der Verlierer der aktuellen Erhebung. Außer bei Radio Eins gibt es nur rote Zahlen, egal, welches Format, welche Zielgruppe betrachtet wird. Die Popwelle Radio Berlin 88,8 verliert knapp sieben Prozent, das Jugendprogramm Fritz mehr als zwölf Prozent, das Inforadio beinahe ein Fünftel seiner Hörer. „Unsere Programme waren bereits in der vergangenen MA unter Druck, und wir reagieren darauf. Der Trend aus dem Frühjahr setzt sich leider fort, wir sind aber zuversichtlich, erfolgreich gegensteuern zu können“, kommentierte Claudia Nothelle, Programmdirektorin des RBB, das Zahlentableau.

Bei den „Dickschiffen“ des Privatfunks können vor allem der Berliner Rundfunk 91,4 und 94,3 rs2 deutlich zulegen. Die erkennbaren Aufs und Abs im Radiomarkt Berlin-Brandenburg zeigen an, wie volatil der Markt ist, wie sehr das Publikum bewegt, sprich gewonnen und verloren werden kann. Das private Radio Cottbus, zum ersten Mal in der Erhebung präsent, meldet 21 000 Hörer, ein Plus, das sicherlich auch zu Lasten des bisherigen Brandenburger Platzhirschen, der Antenne, geht.

Nach Prozentwerten betrachtet sticht 100,6 Motor FM bei den Gewinnern mit einem Plus von 75 Prozent heraus, was absolut einen Zuwachs von 12 000 auf 21 000 Hörer bedeutet. Überhaupt konnten Sender mit einer streng definierten Musikrichtung beim Publikum punkten, also Jam FM Berlin mit „Black Music“, Star FM 87,9 mit Gitarrenrock. Das nun wieder erfasste Jazzradio wird mit 14 000 Hörern wieder auf sich aufmerksam machen. Klar scheint, dass die meisten Nutzer im Radio erstens, zweitens und drittens Musik suchen.

Quasi unter der Hand erfasst die repräsentative MA-Stichprobe außer den werbetragenden Wellen auch die werbefreien „Einschaltprogramme“. Sie rekurrieren auf eine andere Währung, die Tagesreichweite, bei der die Nutzer nicht qua Durchschnittsstunde ermittelt, sondern über den Tag hinweg addiert werden. Nach diesem Maßstab wächst das Kulturradio des RBB von 115 000 auf 118 000 Hörer. Deutschlandradio Kultur meldet aktuell 70 000 Hörer (8000 plus), der strahlende Sieger ist freilich das andere Programm von Deutschlandradio – der Deutschlandfunk. Erneut hat der Zuspruch zugenommen, von 149 000 auf 178 000 Hörer. Das mag der Hauptstadt und dem Regierungssitz Berlin geschuldet sein, tatsächlich bietet kein zweites Radioprogramm eine solche Dichte und Tiefenschärfe an (politischer) Information.

Für ganz Deutschland gilt: Trotz leichter Verluste bleiben die öffentlich-rechtlichen Sender in der Hörergunst vorne. Die rund 60 ARD-Wellen werden werktäglich von 38,92 Millionen eingeschaltet. Das sind 50 000 weniger (knapp 0,2 Prozent) als bei der letzten Umfrage vom März. Die Privatsender haben dagegen ihre Reichweite um 600 000 auf 32,94 Millionen Hörer gesteigert (also um fast zwei Prozent). Über alle Altersgruppen hinweg blieb die Nutzung des Hörfunks mit 199 Minuten aber konstant. Der Hörfunk erreicht täglich täglich fast 80 Prozent der Menschen in Deutschland.

Bei der Media-Analyse wurden mehr als 64 000 Menschen nach ihren Lieblingssendern befragt. Die Erhebung erfasst die werbetragenden Programme, die erhobenen Zahlen gelten als Währung für den Werbezeitenverkauf. Die Daten werden zwei Mal im Jahr gesammelt.

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