Medien : Unerbittlich in seinem Zorn

Helmut Kohl porträtiert sich 90 Minuten in der ARD selbst

Gerd Appenzeller

Das klang überraschend. „Insgesamt vier Tage lang sprachen Stephan Lamby und Michael Rutz mit Helmut Kohl in dessen Wohnhaus in Ludwigshafen-Oggersheim über die Höhen und Tiefen seines Lebens.“ So kündigt ein Pressetext des NDR ein zweiteiliges Porträt des Altkanzlers an. Da Helmut Kohl sein Privatleben in Oggersheim – von einigen frühen Anflügen von home stories einmal abgesehen – immer konsequent abschottete und sich nach dem Freitod seiner Frau verständlicherweise noch mehr zurückzog, schien das einen Sinneswandel zu signalisieren. Wollte der alternde Helmut Kohl wirklich offen über sich und sein Leben sprechen?

Um es vorweg zu sagen: Er wollte nicht, und dennoch lohnt es, sich diese zweimal 45 Minuten Zeit zu nehmen. Nicht, weil man sehr viel Neues über den 1998 aus dem Amt gewählten Kanzler erfährt. Dass er den Versuch eines Putsches gegen ihn beim Bremer Parteitag 1989 den daran Beteiligten (Späth, Geißler, Blüm, Süssmuth) nie verzeihen würde, war lange bekannt. Erstaunen kann da bestenfalls, dass die im Rückblick lächerliche Episode von ihm als „eine der barbarischsten Erinnerungen meines Lebens“ eingeordnet wird. Aber zum einen bekommt man selten einen (auch noch gut gemachten) politischen Nachruf zu sehen, an dem der Porträtierte selbst aktiv mitgearbeitet hat. Und zum anderen begegnet man kaum noch einmal einem Menschen, der politische Weggefährten so brutal in zwei simple Kategorien einteilt – willfährige Begleiter und Feinde. Dazwischen scheint es für den Herrscher ohne Gnade nicht viel zu geben. Sein Urteil über den lange, lange Jahre hinweg treuesten Vasallen und erst späten Kritiker Kohls, über den früheren Arbeitsminister Norbert Blüm: Der „ist mir völlig egal“. Und die Anwürfe gegen ihn nach der Abwahl 1998 und vor allem nach der von ihm selbst offenbarten, neuen Parteispendenaffäre, das sei so, als „wenn sich jeder Straßenköter sozusagen aus der Ecke an Mitarbeitern rächt“.

Die Großen dieser Welt, die sich in den beiden Filmen über Helmut Kohl äußern, würdigen seine historische Leistung – Michail Gorbatschow genauso wie George Bush. Auch Richard von Weizsäcker, dem Kohl wohl nie verzeihen wird, dass er ihn für seine Unbotmäßigkeit nach der Wahl zum Bundespräsidenten nicht mehr strafen konnte, verweigert den Respekt nicht. Der Einzige, der einen Schatten auf den Staatsmann Helmut Kohl werfen kann, so die Bilanz dieser Sendung, ist Helmut Kohl selbst.

Eindrucksvoll heute und dann am kommenden Montag im Ersten zu besichtigen, jeweils um 21 Uhr 45 Uhr und am Mittwoch, 21. sowie am 28. Januar im Fernsehen des NDR.

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