Ungarns mächtigste Männer tief zerstritten : "Orban ist mir in den Rücken gefallen"

Der Oligarch Lajos Simicska erklärt dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban den "totalen Krieg". Sie waren mal beste Freunde, haben die regierende Fidesz-Partei "gemacht".

Gregor Mayer
Da waren sie noch dicke. Lajos Simicska (links) und Viktor Orban
Da waren sie noch dicke. Lajos Simicska (links) und Viktor OrbanFoto: dpa

Wohl keine andere Männerfreundschaft hat Ungarns Politik seit der Wende vor 25 Jahren so geprägt wie die zwischen Viktor Orban und Lajos
Simicska. Der charismatische, machtbewusste, oft skrupellose Politiker und der medienscheue, Geld und mediale Unterstützung organisierende, juristisch fragwürdige
Transaktionen nicht scheuende Oligarch haben die Fidesz-Partei „gemacht“. Ohne das Wirken der seit Jugendtagen eng befreundeten Männer hätte Fidesz den Weg von
der basisdemokratischen, antikommunistischen Jugendpartei der Wendezeit zur heute nahezu unumschränkt herrschenden rechts-konservativen Regierungspartei nie
geschafft.

Heute liegt ihre Freundschaft in Trümmern, hat sich in bittere Feindschaft verwandelt. Der Konflikt schwelte schon seit einem Jahr.
Simicska war mit seinem milliardenschweren Bau-, Medien- und Agrarimperium in Orbans Augen zu mächtig geworden. Der Regierungschef entfernte Simicskas
Gefolgsleute aus den Ministerien, ließ seine Firmen nicht mehr an die Futtertröge der staatlichen - und meist EU-geförderten - öffentlichen Aufträge. Am Freitag leerten sich
die Leitungsetagen der von Simicska kontrollierten Medien - die Führungskräfte desertierten und liefen zu Orban über.

Simicska war außer sich vor Wut. Der Mann, der bis zu diesem „schwarzen Freitag“ nie Interviews gab, schüttete jedem Journalisten, der ihn anrief, sein Herz aus. Seinen
Jugendfreund beschimpfte er mit zum Teil unflätigen Worten. „Orban ist mir in den Rücken gefallen“, schäumte er. Dies sei nun der „totale Krieg“. Einer von beiden werde
fallen. Falls er es sein werde, sagte Simicska, dann könne es gut sein, dass „man mich liquidiert, erschießt, ich unter ein Auto komme“.

Gemeinsame Schulzeit hat beide geprägt

Simicska und Orban kennen sich noch aus der Schulzeit im Kommunismus. Der Sprössling einer kleinstädtischen bürgerlichen Familie faszinierte Orban, der aus einem politisch angepassten, dörflichen Milieu kam, mit seinem provokanten Anti-Kommunismus. 1988 gründeten die beiden zusammen mit anderen den Fidesz. Nach der Wende scheffelte Simicska Geld für die Partei - mit Privatisierungen, mit
Firmen, die Steuern hinterzogen, auf unbekannte Ausländer überschrieben wurden und dann verschwanden. Daneben baute er sein eigenes Wirtschaftsimperium auf.

Als Orban 1998 zum ersten Mal Ministerpräsident wurde, ernannte er Simicska zum Chef der Steuer- und Finanzbehörde. Angeblich soll damals in der Behörde
belastendes Material beseitigt worden sein.
Nach Orbans Abwahl 2002 baute Simicska ein Medienimperium auf. Es half entscheidend mit, dass Orban acht Jahre später an die Macht zurückkehrte. Der Rücktritt und
Seitenwechsel der Top-Manager des Nachrichtensenders Hir TV, der Tageszeitung „Magyar Nemzet“ und von Lanchid Radio (Radio Kettenbrücke) markierte am Freitag
eine Zäsur.

Es mag bizarr anmuten, dass sich Simicska angesichts seines eigenen Geschäftsstils und Zynismus nun in die Schar der Kritiker einreiht, die Orban Despotismus und
Demokratieverachtung vorwerfen. „Wir wollten gemeinsam die Diktatur und das post-kommunistische System abreißen. Von der Errichtung einer neuen Diktatur war keine
Rede!“, polterte er.  Seiner Antipathie gegenüber Russland blieb sich Simicska jedenfalls treu. Orban hingegen sucht die Nähe zu Moskau. Russlands Präsident Wladimir
Putin stattet ihm am 17. Februar einen Staatsbesuch ab.
Simicska erklärt seine Haltung so: „Ich wuchs in einer Zeit auf, als die Sowjetunion noch hier war. Das Treiben der „Russkis“ in Ungarn erweckt in mir ungute Erinnerungen.
Zwischen dem Verhalten der damaligen sowjetischen und der heutigen russischen Politik kann ich keinen Unterschied erkennen.“ Orban äußerte sich zunächst nicht zu den
Wutausbrüchen seines ehemaligen Freundes. Der Fidesz-Vizevorsitzende Lajos Kosa meinte trocken: „Simicska stand einmal dem Fidesz nahe und hat sich von ihm
entfernt.“ Der Konflikt habe inzwischen „das Terrain der Rationalität verlassen“, meinte der Politologe Peter Kreko in der Sonntagszeitung „Vasarnapi Hirek“. Beide Seiten
könnten einander riesigen Schaden zufügen. „Ich würde nicht sagen, dass Orban den Krieg schon gewonnen hätte“, so Kreko, „aber so viel ist sicher, dass Simicska eine
wichtige Schlacht verloren hat.“ (dpa)

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