Medien : „Unrealistische Hochglanzwelt“

Mehr Studienbewerber dank „CSI“? Rechtsmediziner widersprechen einander

Marc Felix Serrao

Michael Tsokos ist schon nach der ersten Frage ungehalten. Ob es stimmt, was sein Kölner Kollege dem aktuellen „Focus“ da gerade im Interview erzählt hat? „Nein, das kann ich nicht bestätigen“, brummt der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité. „Das ist eine unrealistische Hochglanzwelt, die mit dem, was wir machen, nichts zu tun hat.“ Die Rede ist von den erfolgreichen TV-Serien „CSI“ (RTL und Vox), „Crossing Jordan“ (Vox) und der neuen deutschen Reihe „Post Mortem“ (RTL). Darin lösen gut aussehende, brillante Rechtsmediziner in hochmodern ausgerüsteten Labors kniffelige Todesfälle im Auftrag der Staatsanwaltschaft.

Markus Rothschild, Leiter des Instituts der Rechtsmedizin an der Uni Köln, behauptet im aktuellen „Focus“ zwar auch nicht, dass die Arbeit der smarten Leichenexperten viel mit seinem Alltag verbindet, schwärmt aber davon, dass sie eine wahre Bewerbungswelle ausgelöst haben: „Zurzeit bekommen wir so viele spontane Bewerbungen wie noch nie – vor allem von jungen Frauen.“

Eine Umfrage bei anderen führenden Rechtsmedizinern ergibt ein anderes Bild. Michael Tsokos von der Charité hat, wie er berichtet, weder vom „CSI-Effekt“ noch von einer Bewerbungswelle etwas mitbekommen. Medizinstudenten seien „differenzierte Leute“, sagt er. Serien wie „CSI“ oder „Post Mortem“ sprächen „ganz andere soziale Schichten“ an. „Wer hat Zeit, sich so etwas anzuschauen?“, fragt Tsokos. „Medizinstudenten sicherlich nicht!“

Ähnlich äußert sich Stefan Pollak, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Uni Freiburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin. Zwar gäbe es seit einiger Zeit viele Nachfragen von jungen Menschen, die sich für den Beruf interessierten. Sobald ihnen allerdings gesagt werde, welche fachlichen Voraussetzungen die Rechtsmedizin mit sich bringt – Medizinstudium, fünfjährige Facharztausbildung, danach als Hauptaufgabe Forschung und Lehre –, lasse das Interesse schnell wieder nach. „Anfragen in dieser unqualifizierten Form haben zugenommen, das stimmt“, sagt Pollak. Das Interesse der Medizinstudenten sei indes nicht höher als sonst, „die wissen ja, was sie erwartet.“ Nur ein einziges Mal habe er „CSI“ selbst gesehen“, sagt Pollak mit vernehmbarem Unmut. „Für ein paar Minuten, dann habe ich’s nicht mehr ausgehalten.“

Michael Tsokos von der Charité geht in seiner Kritik noch weiter. Als mögliches Motiv für Rothschilds Behauptung einer Bewerbungswelle nennt er dessen eigene Beteiligung an einer der Produktionen: „Was er sagt, überrascht mich nicht, er war ja als Berater für ,Post Mortem‘ tätig.“ Tsokos vermutet, dass der von Rothschild ausgemachte „CSI-Effekt“ dessen „eigene Interessen widerspiegelt“. Für „Post Mortem“ hat Rothschild dem Schauspieler Hannes Jaenicke laut „Focus“ „Nachhilfe im Leichenöffnen“ erteilt. Gleichzeitig fand er offenbar nichts daran, die Serienkonkurrenz gegenüber dem „Focus“ scharf zu kritisieren. So bezeichnet Rothschild eine Folge von „Polizeiruf 110“ im Interview als „unglaublichen Unsinn“.

Rainer Mattern ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Uni Heidelberg. Er kann eine Bewerbungswelle auf das Fach Rechtsmedizin zwar ebenfalls „nicht bestätigen“. Gegen die Kritik aus Berlin nimmt er Rothschild aber in Schutz: „Der nimmt die Serien zum Anlass, um aus rechtsmedizinischer Sicht kritisch mit den Studenten damit umzugehen. Das finde ich gut.“ Auch er erlebe es häufig, dass Studenten ihn in Vorlesungen auf „CSI“ und Co. ansprechen. Nachdem Rothschild ihm vor vier Monaten auf einem Kongress berichtet habe, dass er den Fernsehstoff im Hörsaal diskutiert, „habe ich mir vorgenommen, dass wir das auch tun.“ Zur Vorbereitung, sagt Mattern, müsse er sich die Serien nun aber erst einmal anschauen.

Markus Rothschild selbst kann die Kritik der Kollegen nicht nachvollziehen. „Wir haben wöchentlich eine Initiativbewerbung, ohne dass wir eine Stelle ausgeschrieben hätten.“ Seit circa zweieinhalb Jahren wachse die Zahl der Interessenten stetig an. Rothschild ist sich sicher, dass die Serien etwas damit zu tun haben. Mit dem im Interview zitierten „CSI-Effekt“ habe er sich aber in erster Linie auf Anfragen von Staatsanwälten bezogen, die von ihm wissen wollten, warum eine toxikologische Untersuchung nicht so schnell durchgeführt werden könne wie im Fernsehen. Die „Polizeiruf“-Folge habe er kritisiert, weil er sie zufällig am Tag vor dem Interview gesehen und sich über die vielen Fehler geärgert habe. „Diese Folge hat mit Sicherheit keine rechtsmedizinische Beratung gehabt“, kritisiert er erneut, „und wenn ja, dann wurde diese Beratung mit Sicherheit ignoriert“.

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