Medien : Unschuldig schuldig

Wie bei Hitchcock: Senta Berger steht im ZDF als Dr. Eva Prohacek selbst „Unter Verdacht“

Thilo Wydra

Alles spricht gegen sie. Das Messer mit ihren Fingerabdrücken, die Zigarettenstummel, das Weinglas - und ihr Vorgesetzter Dr. Reiter (Gerd Anthoff) ist drauf und dran, sie festzunehmen. Nach dem Verhör sitzt sie schon in der Zelle, die Kriminalrätin Dr. Eva Prohacek (Senta Berger), die hier unschuldig schuldig gesprochen zu werden scheint, ganz wie bei Hitchcock. Die Lage scheint aussichtslos: Wie kann man den Gegenbeweis antreten, wenn es keinen zu geben scheint?

Alles begann mit Prohaceks lang ersehntem Urlaub auf dem bayerischen Land, wo sie einem Herrn Stewens (Huub Stapel) begegnet, diesen später in München zum Essen besucht, und später eine Leiche in dessen Wohnung entdeckt. Just jenen jungen Mann, der vor Urlaubsbeginn bei ihr vor der Tür stand und sie beschwor, ihm zuzuhören, es sei wichtig. Nun ist der romantische Herr Stewens wie vom Erdboden verschluckt. Auch keine Spuren eines Essens. Nichts. Alles spricht gegen die so aufrichtige Ermittlerin. Nur ihr Kollege, der Herr Langner (Rudolf Krause), glaubt noch an Prohaceks Unschuld und beginnt, auf eigene Faust zu recherchieren.

„Ein neues Leben“ heißt dieser jüngste Film aus der Reihe „Unter Verdacht“. Das Drehbuch schrieb Edward Berger, Regie führte Isabel Kleefeld. Sie haben einen der bisher besten Fälle um die Münchner Kriminalrätin geschaffen. Ein neues Leben, das habe sie begonnen, als sie vor sieben Jahren nach dem Tod ihres Sohnes und dem dadurch bedingten Scheitern ihrer Ehe nach München gezogen sei und als Kriminalrätin zu arbeiten angefangen habe. Das erzählt sie an ihrem ersten Urlaubstag diesem so sehr sympathisch wirkenden Herrn Stewens. Sie vertraut, und muss später fragen, ob man denn heute gar niemandem mehr vertrauen könne.

Doch da macht sie schon auf, die sonst so sehr in sich gekehrte Eva Prohacek. Öffnet den Blick auf ihr Leben, und merkt selbst an, das habe sie bisher noch nie so getan. In dem Moment wird dieser Film privat, und das ist ganz selten bei „Unter Verdacht“, gibt es hier doch keine wirklichen Nebenstränge wie etwa bei Bella Block und ihrem Simon Abendroth. Aber es steht diesem Fall gut an, dass hier Prohaceks private Bindungsangst, bedingt durch den Verlust von Sohn und Ehemann, verknüpft wird mit dem hoch politischen Sujet bayerischer Wirtschaftspolitik. Da stört nichts, da holpert nichts, da stimmt alles. Eine kluge, fast kafkaesk wirkende Geschichte, intelligent und intensiv in ihrem Nachhall. Und Senta Berger brilliert in ihrer Interpretation einer Frau, die Angst hat vor Verletzung, die nahezu ungeschminkt auftritt, als sie mehrfach zusammenbricht, am Boden kniet, weint, stammelt, keinen Halt mehr in ihrem Leben sieht. Das ist dunkel und schwer, gewagt und vielleicht auch riskant zur Primetime, aber eben überzeugend und bewegend.

„Unter Verdacht: Ein neues Leben”, ZDF, 20 Uhr 15

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