UNSER ALLER SHOWMASTER : Der Konsens-Kobold

Unglaublich, Thomas Gottschalk wird 60. Zeitlos verkörpert er, was für die Deutschen Unterhaltung ist

Bernd Gäbler
Gottschalk
Thomas Gottschalk moderiert die ZDF-Unterhaltungssendung "Wetten, dass..?". -Foto: ddp

Thomas Gottschalk, der heute 60 Jahre alt wird, hat noch keinen Weg gefunden, wie er älter werden darf. Er muss unbekümmert jung bleiben, tadellos fröhlich und allzeit spontan: mit einer gelben Frisur, die – wie er einmal zugestand – „so in der Natur nicht vorkommt“, in clownesk-schrillen Anzügen und mit Sprüchen, die gelegentlich schlüpfrig sind.

Seit 1987 ist er der Zirkusdirektor der Fernsehsendung „Wetten, dass...?“, die in der Medienlandschaft steht wie ein Fossil aus Zeiten, da Kirchen und Parteien noch feste Bindungen hervorriefen, soziale Milieus stabil waren und die Gesellschaft nicht auseinanderdriftete. Auch dieser Vorzeigesendung des ZDF zerbröseln allmählich etwas die Quoten, aber „Wetten, dass…?“ gelingt es, die wärmende Erinnerung an generationsübergreifendes Familienfernsehen wachzuhalten. Zwar hat Thomas Gottschalk im Laufe seiner langen Medienkarriere viel mehr gemacht, so war der gebürtige Bamberger umschwärmter Moderator bei „Pop nach acht“ und bei der „B-3-Radio-Show“ in München, und er hat noch viel mehr probiert, von einer Late-Night-Show für RTL bis hin zu „Supernasen“-Albernheiten im Kino, aber allein die schier unauflösbare Bindung an die Sendung im Zweiten hat ihm dauerhaft Erfolg beschert. So wie Beckenbauer Fußball ist, ist Gottschalk zum Inbegriff der Fernsehunterhaltung am Samstagabend geworden.

Vor ihm gab es Peter Frankenfeld, der im großkarierten Jackett die Conferencier-Traditionen des Varietés in die gemütlichen Wohnstuben der wieder satten Bundesbürger brachte. Dann kam Hans-Joachim Kuhlenkampff, ein Grandseigneur der Sprache und Mann von Welt, jederzeit bereit, Mutti charmant in den Mantel zu helfen. Dagegen war Gottschalk ein Rebell. Seine Sprache war schnoddrig, der Auftritt bei „Na sowas“ mindestens so frech und spontan, wie es viele Deutsche heimlich gerne gewesen wären.

Ein Hauch von Toleranz, Rock ’n’ Roll und Spaßguerilla umwehte plötzlich die Deutschen. Akzeptiert werden konnte diese neue Tonart nur, weil Gottschalks Kunst der Unterhaltung bis heute streng eingezäunt ist: Selbst wenn er feine Damen begrapscht, macht er doch nur Spaß. Zwischen Spaß und Ernst aber steht eine feste Mauer. Für „harte Themen“ sind andere zuständig, vor allem Günther Jauch, sein Kumpel vom Jugendradio des Bayerischen Rundfunks.

„Wetten, dass...?“ ist kein „Edutainment“ oder Genre-Mix, sondern Programm ist allein das lustige Kräuseln der Oberfläche. Dazu passt Michelle Hunziker wunderbar, die Gottschalk seit dem Herbst 2009 als Wettansagerin und Co-Moderatorin entlastet. Sein Metier bleibt das Geplauder mit netten Gästen. Er lässt den Glanz von Hollywood, seinem Zweitwohnsitz, in das Mittelmaß deutscher Mehrzweckhallen tröpfeln. Zum Spaß trägt bei, dass Probanden wie du und ich mit heiligem Ernst unsinnige Geschicklichkeitsprüfungen verrichten: Baggerfahrten auf rohen Eiern oder BHs mit Ess-Stäbchen öffnen. Der Abrundung dient ein Musikangebot, das etwa von Bon Jovi bis Anna Netrebko reicht. Zur Not kräht Gottschalk selber „Smoke on the Water“, den Uralt-Hit von Deep Purple.

Natürlich kam auch diese letzte große Samstagabendunterhaltung nicht völlig unbehelligt durch die Jahre und die Krisen. Einige waren selbst verschuldet. Zu unbekannt schienen Gottschalk gelegentlich die Geschichten des deutschen Boulevards zu sein; der ewige Rocker verlor den Faden zur Jugend und versuchte sich dann kleinlich als moralische Alternative zu „Dschungelcamp“ und „DSDS“ von RTL in Szene zu setzen. In Kooperation mit seinem geschäftstüchtigen Bruder Christoph ließ er zudem die Verwertungsketten allzu aufdringlich rasseln.

Aber letztlich ist Thomas Gottschalk unangreifbar. Zwar erregen sich viele über „Thommy“, wollen mitreden über den großen Blonden mit der Supernase, aber stets geht es nur um sein öffentliches Tun.

Privat ist Thomas Gottschalk, der studierte Grund- und Hauptschullehrer, skandalfrei. Seit 1976 ist er mit Thea verheiratet, das Paar hat zwei Söhne, Bodybuilding gibt dem Showmaster Spannkraft im groß gewachsenen Körper.

Im großen Fernsehauftritt liegt Gottschalks einzigartige Stärke: Unter dem Clownskostüm zaubert er stets Harmonie hervor. Er ist ein Kobold des Konsenses. Selbst kleine Frechheiten und Provokationen dienen diesem Zweck. Gottschalk ist für alle da, verschont die Deutschen aber davor, in Abgründe zu blicken.

Wie ein wohliges Ritual wird er Pfingsten wieder über uns kommen, garantiert fröhlich, gewiss mit Überziehung der Sendezeit, wieder aus Mallorca, dem deutschen Ferienparadies. Obwohl er erst seit 1987, also der Spätphase der Bundesrepublik, „Wetten, dass…?“ moderiert, ist er sehr bundesrepublikanisch geblieben, eng verlinkt mit Audi, Post, Bayreuth, Genscher und Gummibärchen. Gottschalk und „Wetten, dass…?“, das ist eines der größten Stabilitätsversprechen, die dieses Land noch hat. Kohl, Schröder und Merkel kommen und gehen, sogar der Euro wankt, aber Thomas Gottschalk bleibt.

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