Medien : Unser Dorf sollte schöner werden

Nach sechs Jahren steht „Big Brother“ am Ende: Ein Set-Besuch, bevor – vorerst – die Lichter ausgehen

Jeannette Krauth

In der Früh, da füttert der Bauer die Kühe. Auch in einer Parallelwelt. Um elf Uhr morgens steht Rainer Laux im Norden Kölns, in Ossendorf, und schaut nach „Kader“. Kader ist die „Big Brother“- Kuh, und Rainer Laux der „Big Brother“-Produzent. Zehn Schritte entfernt von den beiden sitzen die letzten Kandidaten der Sendung in ihrem Wohnzimmer, drehen sich Zigaretten nach dem Frühstück und überlegen, wie es wohl sein wird, das freie Leben nach der Show. Das Leben „draußen“ beginnt an diesem Sonntag, wenn die sechste deutsche „Big Brother“-Staffel endet. Es ist die Staffel, die vor einem Jahr als „Endlos-Schleife“ angekündigt wurde, in der über das erste „Big-Brother-Baby“ spekuliert wurde. Allein die Kuh hat schließlich gekalbt.

„Menschenzoo“, so das Schlagwort im Jahre 2000, als „Big Brother“ in Deutschland startete, das Konzept des Einsperrens die Gemüter erregte. Reichlich normal scheint das Format heute zu sein, wer erhitzt sich noch darüber? Allerdings wird die Sendung selbst weggeschlossen, beginnt neu als „Der Container“, Sonntagnacht auf Premiere. Dann können hart gesottene Fans ihre Show im Pay-TV abonnieren. Immerhin machen die durchschnittlich neun Prozent Marktanteil bei RTL2 aus, das ist mehr als Durchschnitt beim kleinen Privatsender.

Ende eines Medienhypes also oder Pause? Zeit für ein Besuch im Dorf jedenfalls, schnell noch, bevor der Menschenzoo weggeschlossen und möglicherweise erst im Herbst wieder aufgemacht wird, wenn RTL2 eine Fortsetzung plant. Das Herz von „Big Brother“ ist das Wohnzimmer der Bewohner. Um dort hinzugelangen, muss man durch ein Labyrinth aus Kamera-Gängen. Maren Mossig, seit der ersten Staffel im Team und Sprecherin von „Big Brother“, weist den Weg. Ducken unter lichtschluckenden Tüchern, Beine heben über Kabel, Vorbeidrücken an mannshohen Kameras. Dann der Blick durch die Fensterfront in das BB-Wohnzimmer: Direkt vor der Scheibe eine Flasche Öl, daneben eine Nagelfeile. Auf dem Esstisch steht eine Obstschale samt abgegessener Weinrebe. Dahinter die Sitzgruppe, und auf der, wie fast immer, die sechs Verbliebenen: die redselige Ginny, Denis mit dem Schweizer Akzent, Bürgermeister Thomas und Torsten, Heike und der Berliner Michael. Sie sehen weder Kameras noch Menschen, von innen sind die Scheiben verspiegelt. Drei Schritte wären es bis zum Sofa. Plötzlich steht Thomas auf, geht auf die Scheibe zu – Hilfe! Ein Gefühl, als ob im Zoo-Aquarium der Wal direkt auf einen zu- schwimmt. „Nun“, sagt Maren Mossig, „aber der Wal im Zoo kann Sie sehen“.

Das Auge, „Big Brother“ technisch gesehen, ist ein dunkler Raum, beleuchtet nur von den sechzig Bildschirmen an der Kopfseite. Es surrt hier, genauso, wie das große Kühlschränke tun. Das Geräusch machen die acht Videorekorder, jede Sekunde wird mehrfach aufgezeichnet. Vier Menschen sitzen an Pulten vor der Bildschirmwand, Kameraleute und die Regisseurin. „Sollen wir mal übernehmen?“ fragen sie die Kollegen an den Pulten links, die den Kamera-Joystick bedienen und die Kopfhörer aufhaben, „dann könnt ihr mal entspannen“. Die Frau mit Kurzhaarschnitt und Hornbrille sitzt tief in den Stuhl gesunken da. Die BB-Werkstatt, das Atelier, die anderen Wohnhäuser – alles schon lange geschlossen. Kein spannender Job, wenn nur noch auf vier von sechzig Bildschirmen Menschen zu sehen sind.

So wie „Big Brother“ nur noch ein Format unter vielen Trash-TV-Formaten ist, sind auch die Kandidaten vom Ruhmeswunsch abgerückt. Abiturientin Gina, die vor Wochen das Haus verließ (und sich beim Sex im Whirlpool filmen ließ), will Innenarchitektur studieren. „Es wäre naiv, zu denken, dass ,Big Brother’ ein Sprungbrett ist“, sagt sie.

Die Mutter von Noch-Kandidatin Ginny glaubt, dass die Tochter ihre Friseurinnen-Ausbildung weitermacht. Auch wenn Ginny im BB-Haus irgendetwas von einer Visagistin erzählt, die sich für ihr Gesicht interessiert hätte. Und was machen die Kandidaten aus der allerersten Staffel? „Den Jürgen, den kann man heute nicht anrufen, der feiert Karneval“, erklärt Maren Mossig in betont breitem Kölsch. Eigentlich tut sie da gerade das, was die „Big Brother“-Hersteller für Fan-typisch halten: Sie redet über den Bewohner, als sei er ein nahestehender Mensch. Denn das ist es schließlich, was hartgesottene Fans an das Format bindet: so etwas wie Freundschaft, Nähe zu den Bewohnern zu fühlen. Wie verführerisch das ist, erlebt man auch an Produzent Rainer Laux, der das Format nach Deutschland holte: „Wieso ist das denn ein Unterschied, ob ich Trauzeuge bin für Karim und Daniela oder für einen Bekannten?“ fragt der Mann, ein kräftiger Typ, knallrotes Hemd, kurz abrasiertes Haar, stets in Begleitung von Schäferhund Juan. Laux war Trauzeuge für die ehemaligen „Big Brother“-Bewohner. Wo? Ach so. Drinnen, draußen, einerlei.

Dabei ist Laux der personifizierte „Big Brother“, gern gesehen als Gutmensch: „Wenn der Rainer mit den Kandidaten spricht, wenn irgendwas ist, dann sind die direkt beruhigt“, sagt Maren Mossig. Vielleicht musste Laux ja auch die Kühe heute morgen beruhigen, denn die durften heute Nachmittag schon ausziehen. Bei denen fiel die gefälschte Welt noch am wenigsten auf: einfacher Stallgeruch, Tiere, eine Wiese. Oder? Hinter ihrer Weide schauen die weißen Hochhäuser der Filmproduktionsfirmen über den Zaun. Dort laufen die Proben für die „Superstars“, und der silberne „Nur die Liebe zählt“-Caravan steht auf dem Parkplatz. Alles ist so nah aneinander gerückt, hier in der Fernseh-Retorte.

„Big Brother – Das Finale“, RTL2,

20 Uhr 15

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