Medien : Unsere Rituale Auf die Welt und unter die Erde

Am Anfang und am Ende ihres Lebens setzen Menschen Zeichen. Eine Kulturgeschichte

Thomas Macho

DIENSTAG, 25. Mai:

Forschungszentrum Europäische Aufklärung; Etienne François spricht über das Thema „Deutschland und das französische Modell im 18. Jahrhundert“, 19 Uhr, Am neuen Markt 9d, Potsdam.

DONNERSTAG, 27. Mai:

HU, Mosse-Lecture; Carsten Voigt über „Deutschland – USA: Eine sich verändernde Partnerschaft“, 19 Uhr 15, Unter den Linden 6, Senatssaal.

HEUTE:

Taufe und Beerdigung

NÄCHSTE FOLGE:

Konfirmation

Ein Kind wird geboren. Was geschieht? Wir sind im Krankenhaus, nur mehr selten zu Hause. Arzt oder Ärztin, zumindest eine Hebamme unterstützen die kreißende Mutter; mit Hilfe technischer Geräte wird die Geburt überwacht. Nach der Geburt wird das Kind abgenabelt, gewogen, gewaschen und bekleidet. Dann müssen verschiedene Aufgaben erledigt werden – Meldeamt, Versicherungsanstalt oder Arbeitgeber werden informiert, Geburtsurkunden, Meldebescheinigungen, Versicherungskarten ausgestellt. Der Weg zu den Behörden ist genau vorgeschrieben, doch gleicht er keinem Ritual. Die neuen Menschen werden aufgenommen, indem sie registriert werden, Einwanderer, deren Asylansuchen erst bearbeitet werden muss. Eine Begrüßung findet gewöhnlich nicht statt; manchmal erhält die Mutter ein Paket mit Babynahrungsproben, Salben und Windeln.

Ein anderer Mensch stirbt. Was geschieht? Wir sind im Krankenhaus, nur mehr selten zu Hause. Arzt oder Ärztin, zumindest eine Krankenschwester, betreuen den Sterbenden; mit Hilfe technischer Geräte wird sein Zustand überwacht. Nach dem Tod wird die Leiche gewaschen, bekleidet, manchmal obduziert oder einbalsamiert. Nach dem Tod müssen verschiedene Aufgaben erledigt werden – Standesamt, Versicherungsanstalt oder Arbeitgeber werden informiert, Sterbeurkunden, Versicherungs- oder Rentenbescheide ausgestellt. Der Weg zu den Behörden ist genau vorgeschrieben, doch gleicht er keinem Ritual. Die toten Menschen werden verabschiedet, indem sie registriert werden, Auswanderer, deren Exil auf dem Friedhof arrangiert und bezahlt werden muss.

Dennoch behauptet die Anthropologie, dass die Ritualisierung von Geburt und Tod eine wichtige Etappe der Evolutionsgeschichte gebildet hat. Relevant für die Menschwerdung des Menschen waren nicht nur die Auswirkungen und Funktionen des aufrechten Gangs, des Wechselspiels von Hirn und Hand, der verfrühten Geburt („Neotenie“), der Nutzung des Feuers, der Herstellung von Werkzeugen oder Waffen, der Entwicklung von Stimme und Sprache, der Techniken der Körperdistanzierung oder der sozialen Nischenbildung („Insulation“). Als wichtige Indikatoren menschlicher Entwicklung gelten auch die paläolithischen Kunstwerke, etwa die grandiosen Tierbilder an den eiszeitlichen Höhlenwänden, die Spuren erster Bestattungen und Grabbeigaben oder die so genannten „Venusstatuetten“, kleine figürliche Darstellungen schwangerer Frauen, die vor mehr als dreißigtausend Jahren geformt wurden.

Wir wissen allerdings fast gar nichts über die Kontexte, in denen die ersten Auseinandersetzungen mit Geburt und Tod geführt wurden. Doch ab irgendeinem Zeitpunkt wurden Geburten und Todesfälle nicht mehr schlicht hingenommen, begrüßt oder verflucht, sondern als Fragen gehört: als Fragen nach einem neuartigen Woher und Wohin. Nachdem die Menschen – Jäger und Sammlerinnen – längst gelernt hatten, die Frage nach dem räumlichen Woher und Wohin, beispielsweise anlässlich der Vereinbarung von Treffpunkten mit anderen Gruppen, präzis zu beantworten, begannen sie die Frage nach dem zeitlichen Woher und Wohin aufzuwerfen: Sie entwickelten offenbar Vorstellungen über die mythische Welt, aus der die Kinder kommen – und über die mythische Welt, in der die Toten verschwinden.

Erst die Frage nach dem Noch-Nicht und Nicht-Mehr konstituierte die Praktiken des Rituals. An Stelle der Beschreibungen eines Orts oder Wegs luden sie zur Vergegenwärtigung einer Welt ein, die gewöhnlich unsichtbar war. Mit der rituellen Dramatisierung von Geburt und Tod begann eine neue Epoche der menschlichen Geschichte. Oder sollten wir sagen: der menschlichen Geschichten? In den Jahrtausenden seit den ersten Bestattungen, seit den ersten Darstellungen einer schwangeren Fruchtbarkeitsgöttin, haben die Rituale des Übergangs, der Geburt und des Todes so viele und so phantasievolle Gestalten angenommen, dass sie keiner allgemeinen Logik, keinem simplen Klassifikationsschema, leichtfertig unterworfen werden dürfen.

Beginnen wir mit der Geburt. Zeitpunkte und Formen der rituellen Aufnahme des Kindes in eine soziale Gemeinschaft sind kulturell außerordentlich variabel. Manchmal genügte es, dass die Mutter ihr Kind auf den Arm nahm, manchmal musste es erst gestillt oder (wie im alten Rom) dem Vater vorgelegt werden, der – zumindest theoretisch – das Lebensrecht des Neugeborenen bestreiten konnte. In christlicher Tradition wurde die Taufe des Kindes für wichtiger gehalten als seine Geburt, weshalb gefährdete Kinder schon im Mutterleib (mit einem Weihwasserklistier) getauft werden durften. Starb das Kind bald nach der Geburt, war es möglich, den Weg in die nächste Kirche anzutreten und ein Gnadenbild der Gottesmutter zu bitten, das Kind zu „zeichnen“: durch sichtbare Zeichen (wie gerötete Wangen oder eine kleine Bewegung) sollte es für jenen kurzen Moment ins Leben zurückgerufen werden, der benötigt wurde, um es rasch zu taufen.

In anderen Kulturen wiederum waren es die Umstände der Geburt (und nicht der sozialen Integration des Kindes), die auf spezifische Weise ritualisiert wurden – beispielsweise die nachträgliche Hervorbringung der Plazenta, des „Mutterkuchens“. Die so genannte „Nachgeburt“ wurde als eine Art von „Doppelgänger“ des Kindes betrachtet, dem schützende und heilende Kräfte zugeschrieben wurden. Folglich musste die Plazenta sorgsam behandelt, zumeist unter der Schwelle oder einem Baum zeremoniell vergraben werden; manchmal wurde sie getrocknet, zermahlen und zu Arzneimitteln verarbeitet. Im alten Ägypten pflegte man die Plazenta des Pharaos zu konservieren; sie wurde als „heimlicher Helfer“ beschrieben und abgebildet.

Zu Recht betonte der Pariser Historiker Jacques Gélis, dass die Geburtsrituale an die Totenrituale erinnern. Und doch sind die Totenrituale nicht weniger vielgestaltig als die Rituale der Geburt. Manche Kulturen haben ihre Toten skelettiert oder verbrannt, offenbar um die schwer erträgliche Erscheinung der Leiche möglichst rasch in eine symbolische Ordnung der Trennung – nicht nur von Lebenden und Toten, sondern beispielsweise auch zwischen dauerhaften Knochen und verwesendem Fleisch zu übersetzen. Andere Kulturen haben ganz im Gegenteil enorme Anstrengungen unternommen, um die Toten zu konservieren und gleichsam in Statuen zu verwandeln. Bei archäologischen Ausgrabungen der Stadt Jericho wurden etwa Totenschädel gefunden, denen mit künstlerischer Sorgfalt Gesichter verliehen worden waren – durch Auftragung einer bemalten Lehmschicht. Bei späteren Ausgrabungen in Syrien und Jordanien wurden nicht nur Schädel, sondern auch Ganzkörperstatuen gefunden.

Das Material der ersten Statuen stammte also von den Toten, weshalb der Kunsthistoriker Hans Belting in seiner „Bild-Anthropologie“ die These formulieren konnte, dass der Tod selbst ein Bild erzeuge, nämlich die Leiche. Sterben heiße demnach, in sein eigenes „Abbild“ transformiert zu werden. Jan Assmann hat diese These aus ägyptologischer Perspektive nachdrücklich bestätigt; denn die Wörter für „Leichnam“ oder „Mumie“ und „Statue“ oder „Bild“ werden in der altägyptischen Hieroglyphenschrift mit demselben Schriftzeichen angezeigt. Um die Verwandtschaft dieser beiden Begriffe kreisten die umfangreichen und differenzierten Totenrituale der altägyptischen Hochkultur. Wer eine Leiche aufrichtete, verwandelte sie in eine Statue; die liegende Statue erschien dagegen als Leiche. Der Status des Toten hing also davon ab, welche Praktiken und Rituale an ihm vollzogen wurden, um ihm den ewigen Aufenthalt im Reich der Toten – der Unsterblichen – zu verleihen.

Solche Mühe können wir uns nicht mehr geben. Dennoch sind nicht alle Rituale der Geburt und des Todes verloren gegangen. Manche Kinder werden getauft, womöglich in Taufkleidchen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Die Toten werden begraben oder verbrannt; Grabbeigaben – Blumen, zumindest eine Schaufel Erde – werden in das offene Grab geworfen. Ein Priester oder ein Freund hält eine Rede; wir hören ernste und feierliche Musik. Sterbeanzeigen (mit passenden Zitaten) werden gedruckt und an die Angehörigen und Freunde verschickt.

Doch warum werden wir das Gefühl nicht los, es handle sich dabei um Restrituale, um Schwundstufen ehemaliger Trauerkunst? Der Hinweis auf Säkularisierungsprozesse und Glaubensverlust zählt nicht wirklich; denn die Rituale des Übergangs sind gewiss älter als die Religionen. Vielleicht geht es uns hier wie jenem Menschen, von dem Canetti in seinen Aufzeichnungen schrieb, er wolle „jede Berührung rückgängig machen, sobald er erfährt, dass jemand tot ist. Er fürchtet eine nachträgliche Ansteckung durch den Tod. Er glaubt am Leben bleiben zu können, wenn er die Toten wirksam, auch in sich wirksam verleugnet. Um den Tod zu vermeiden, bringt er seine Toten ganz um.“

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