Medien : Unsere täglich’ Qual

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Tom Peuckert verrät,

was Sie nicht verpassen sollten

Dass der Mensch sein täglich Brot nicht geschenkt bekommt, davon spricht bereits die Bibel in drastischen Bildern. Karl Marx hat der Arbeit als Verwirklichung menschlicher Wesenskräfte ein Hohelied gesungen, aber auch bei ihm sollte sie erst in ferner, kommunistischer Zukunft zum Quell reiner Freuden werden. Einstweilen war die Arbeit noch Entfremdung, Fron, Mühe, Qual. Seit Marx die Erben weggestorben sind, müssen wir lernen, uns in diesem Einstweilen einzurichten. Manchmal weiß die Kunst davon ein trauriges Lied zu singen. Zum Beispiel im Drama „Täglich Brot“, das unlängst auf deutschen Theaterbühnen ein Erfolg gewesen ist. Nun kann man das Stück der jungen Autorin Gesine Danckwart in einer eindrucksvollen Hörspielinszenierung erleben.

Man denke sich eine Gruppe zeitgenössischer Figuren, an einem Werktag morgens, im sarkastischen Monolog vor dem eigenen Spiegelbild. Gleich werden sie hinaustreten aus der Einsamkeit des Wohngehäuses, hinein in eine Existenz als Supermarktkassiererin, kleine Angestellte in der Werbebranche, Intercity-Reisende mit Aufstiegshoffnungen. Warum das alles, diese Frage drängt sich mit stupider Deutlichkeit auf. Danckwarts Figuren leiden an einer Arbeitswelt, die eben gerade nicht ihre Wesenskräfte herausfordert. Sondern sie verschleißt im mühevollen Warten auf den Feierabend, im nervenzerrüttenden Streben nach einem besseren Rang in der betrieblichen Hackordnung, im Sehnen nach einem fernen utopischen Zustand, der vielleicht so etwas wie Kreativität von ihnen verlangen könnte. Bis dahin gilt es, die alte Weisheit einer biblischen Anthropologie neu zu entdecken. Mühsam nährt sich die sündige Menschheit. Was Gesine Danckwart mit ihren dramatischen Snapshots zwischen Seelenanalyse und Soziologie der Arbeitswelt hervorragend zu illustrieren versteht (Deutschlandradio, 19. August, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Wer sein täglich Brot erringen will, muss sich in den meisten Fällen in ein Kollektiv eingliedern. Er muss unter Menschen. Vielleicht ist es gerade dieser Kontaktzwang, aus dem die sozialen Phobien wachsen. Vor gar nicht langer Zeit fanden sich in vielen Tageszeitungen Inserate, in denen Menschen mit sozialer Phobie für Medikamententests gesucht wurden. Leiden Sie an Herzklopfen, Schwitzen, Erröten in der Öffentlichkeit, wurde da gefragt. Das Feature „Angst vor den Anderen“ von Petra Marchewka erzählt uns von jenen Unglücklichen, die solche Fragen bejahen müssen. Wenn die soziale Existenz zur Qual wird. Und die Gegenwart des Nächsten nur noch wilde Panik auslöst (Deutschlandradio, 21. August, 19 Uhr 05).

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