Medien : Unter Beschuss

Israels Luftwaffe hat den Hisbollah-Sender Al Manar in Beirut zerstört. Aber Al Manar arbeitet weiter

Alfred Hackensberger[Beirut]

Am 13. Juli, dem ersten Kriegstag, holten zwei israelische Raketen die Sendeantenne in Beirut vom Dach und zerstörten das oberste Stockwerk. Drei Tage später kamen die Kampfjets aus Israel erneut und bombardierten das Hauptquartier insgesamt fünf Mal. Man wollte ganz sichergehen, dass Al Manar, der Hisbollah-Propaganda-Sender, in Grund und Boden versinkt. Gleichzeitig wurden alle Transmitter der Fernsehstation, die über den ganzen Libanon verstreut waren, vernichtet.

Trotzdem geht das Programm von Al Manar (Das Minarett) weiter, als wäre nichts passiert. Reporter berichten live aus dem Kriegsgebiet im Südlibanon, Gäste werden zu Talkshows eingeladen, und Zuhörer können über Telefon ihre Meinung sagen. „Wir waren schon lange auf einen Angriff vorbereitet“, sagt Ibrahim Mousawi, der Verantwortliche von Al Manar, der zugleich auch die Hisbollah-Zeitung „Al Ahed“ (Das Leben) herausgibt. „Nach dem ersten Beschuss haben wir unser Equipment zusammengepackt und sind umgezogen“, fügt er hinzu.

Mousawi ist einer der ganz wenigen Hisbollah-Funktionäre, der nicht untergetaucht ist. Es dauert einige Tage und unzählige Telefonate, bis es zu einem Treffen kommt. „Ich bin immer unterwegs von Ort zu Ort“, sagt Mousawi. Eine Peilung über sein Handy würde für die israelische Luftwaffe schon ausreichen, um ihm eine Rakete direkt auf seinen Kopf zu schicken. Kaum hat er auf dem Stuhl Platz genommen, hat man den Eindruck, dass er sofort wieder los möchte. Angst kenne er aber keine, versichert er mehrmals mit Nachdruck. Gestern sei er erst im Süden in Bint Jbeil gewesen, nicht weit von der israelischen Grenze, wo in den letzen Tagen blutige Kämpfe zwischen Hisbollah und Eliteeinheiten Israels stattfanden. „Dort ist alles vollkommen verwüstet“, sagt er mit einem breiten Lächeln, und man fragt sich, woher dieser Mann sein Lächeln nimmt.

In den vergangenen drei Kriegswochen zerstörte die israelische Luftwaffe über 1000 Gebäude, die in irgendeiner Beziehung zur Hisbollah standen. Vom schiitischen Stadtteil, Hart Hreik, wo die meisten Institutionen der libanesischen Organisation ihren Sitz hatten, ist so gut wie nichts übrig. Der Straßenzug, in dem Al Manar residierte, existiert nicht mehr. Selbst zwölfstöckige Appartementhäuser sind nur noch ein zwei Meter hoher Schutthaufen. In der ehemaligen Einfahrt des Fernsehsenders steigt man über Glasscherben, auseinandergerissene Fensterrahmen und zersplitterte Türen. Dazwischen liegen einzelne Schuhe, Küchentöpfe oder auch Kinderspielzeug, das aus einem der zerstörten anliegenden Wohnhäuser stammen muss. Ein, zwei Tage nach einer Bombardierung klingelten unter den Trümmern einige Handys, erzählte der Pressesprecher der Hisbollah, Hussein Nabulsi, auf einer Tour durch Hart Hreik. Trotz israelischer Kampfflugzeuge am Himmel wollte er es sich nicht nehmen lassen, die Ausmaße der Bombardierung vor Augen zu führen.

Der andauernde Sendebetrieb von Al Manar ist Israel ein großer Dorn im Auge. Nicht zuletzt wegen der regelmäßigen Ansprachen von Hassan Nasrallah, Generalsekretär der Hisbollah, die der Sender natürlich exklusiv ausstrahlt und die ihm Einschaltquoten wie nie zuvor bescheren.

Hassan Nasrallah ist durch den Krieg zum neuen Helden in der arabischen Welt geworden. „Er hat außergewöhnliches Charisma und ist sehr eloquent“, muss selbst Hassan Daoud zugeben, der als Journalist der liberalen Zeitung „Al Mustaqbal“ (Die Zukunft) eigentlich wenig Sympathien für den Hisbollah-Führer aufbringt. „Je länger seine Miliz der israelischen Armee standhält, desto mehr steigt seine Popularität.“ Nasrallah wirke bereits jetzt ein wenig wie Abdel Nassar, der legendäre ägyptische Präsident aus den 50er und 60er Jahren. Das Millionenpublikum von Al Manar macht es möglich.

In Friedenszeiten hatte der Sender, gegründet im Jahr 2000 nach dem Abzug der israelischen Truppen aus dem Libanon, angeblich rund zehn Millionen Zuschauer rund um den Erdball. Jetzt, wo gerade das arabische Publikum über den Krieg im Libanon Nachrichten aus erster Hand haben will, müssen die Einschaltquoten um ein Vielfaches höher sein. In den USA und Kanada, aber auch in einigen europäischen Ländern wie Frankreich, Deutschland und Spanien, ist Al Manar als antisemitischer Sender einer Terroristengruppe verboten. Trotzdem kann er über die arabischen Satelliten Nilesat oder Arabsat problemlos empfangen werden.

Am Dienstag hackten israelische Spezialisten sich in das Fernsehprogramm von Al Manar ein. Für etwa zwei Minuten zeigten sie dem überraschten arabischen Publikum Bilder von einem toten, vermeintlichen Hisbollah-Kämpfer und ein Foto von Nasrallah mit der Bildüberschrift: „Hisbollah-Mitglieder, passt auf!“ Zum Bild des gefallenen Soldaten konnte man lesen, dass Nasrallah ein Lügner sei und er die wahren Verluste an Kämpfern nicht berichten würde. Gleichzeitig wurden die Sendungen verschiedener libanesischer Radiostationen unterbrochen. Die israelische Botschaft lautete: „Nasrallah schickte unvorbereitete Männer in den Kampf gegen eine israelische Armee aus Stahl. Hört auf, patriotische Hymnen zu singen, denkt nach und kommt auf den Boden der Tatsachen zurück.“

Im Libanon und in arabischen Ländern wird man nur müde gelächelt haben, denn es ist bekannt, dass die „Armee aus Stahl“ bisher viele Verluste hinnehmen musste. Auch die SMS-Nachrichten, die parallel mit ähnlichen Parolen massenweise verschickt worden waren, werden nicht zu einem Meinungswechsel beigetragen haben. Ibrahim Mousawi, der Leiter von Al Manar, findet derartige Störaktionen lächerlich.

„Welchen Aufwand muss das alles gekostet haben“, sagt er, „und das alles für nichts.“ Man könne Hisbollah weder militärisch noch propagandistisch schlagen. Al Manar sei das wichtigste Mittel der Hisbollah zur Kommunikation mit dem Rest der Welt. Deshalb werde man ganz gewiss Sorge tragen, dass er weiter funktioniert. Sollte der Sender erneut durch Bomben zerstört werden, stünden bereits neue Räume zur Verfügung.

„Das ist für uns alles kein Problem“, sagt Mousawi beim Hinausgehen. „Es sind zwar schwierige Zeiten, unter denen wir produzieren, aber wir sind an den Krieg als Ausnahmezustand gewöhnt.“

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