Medien : Unter Kakerlaken

Ein Sat-1-Gefängnis-Drama zeigt Veronica Ferres von einer ganz anderen Seite

Carla Woter

Dabei fängt alles so schön an. Weißer Sand, blaues Mittelmeer und eine blonde deutsche Familie. Abends Bauchtanz mit türkischen Freunden, Lagerfeuer, Musik und Wein. Kurz: Ferien im Paradies. Doch das Glück hat ein schnelles Ende. Das ahnt der Zuschauer bereits nach den ersten drei Minuten. Die Familie muss nach Hause. Vater Winter (seltsam steif: Walter Sittler) hat sich an der Börse übernommen, Mutter Winter (Veronica Ferres) leidet und lässt die Haare noch einmal im Wind wehen. Auch die Kinder nehmen schweren Herzens Abschied. Einpacken, abreisen, Schluss mit lustig. Am Flughafen dann die entscheidende Szene. Sohn Thomas – spätpubertär mit dramatischen Rastalocken – und Mutter Sabine tragen die gleichen kleinen Plastiktüten mit den gleichen kleinen Tunfischdosen in der Hand. Während der Rest der Familie das Gate verlässt, kommt die trödelnde Mama in große Schwierigkeiten. Denn in ihrer Tüte sind 1,6 Kilo Heroin versteckt. Warum jemand allerdings die Türkei mit Tunfischdosen als Souvenir verlassen muss, versteht man nicht.

Man versteht überhaupt einiges nicht so recht. „Für immer verloren“ heißt der Sat 1-Frühlings-Zweiteiler, der als „größtes TV-Movie des Jahres“ beworben wird (20 Uhr 15). Die Absichten von Regisseur Uwe Janson waren bestimmt gut gemeint. Lehrreich sollte sein Film sein und tröstend, denn am Ende siegt die Liebe. Das ist die Moral. Und die Geschichte: Eine unbescholtene Frau muss ins Gefängnis. Veronica Ferres lässt Kakerlaken über ihren Körper krabbeln. Hockt verdreckt in der Zelle.

Endlich schlechter aussehen

„Die Hässlichkeit hat mir viel Freude gemacht, weil ich das so noch nie erleben durfte. Man kann einfach schlecht aussehen. Das ist phantastisch für eine Schauspielerin“, sagt Veronica Ferres. Um die ekligen Kakerlaken am Drehort Kapstadt zu ertragen, soll sie jedem einzelnen Tier einen Namen gegeben haben. Aber so schlecht wie andere leidende Schauspielerinnen sieht sie natürlich nicht aus. Eher wie eine blonde Fata Morgana. Kurz vor dem Verrücktwerden reibt sie ihre Haare mit Dreck ein wie einst Fausts Gretchen in der Kerkerszene.

In der fernen Heimat geht unterdessen alles drunter und drüber. Der Mann verliert den Job, die Kinder zanken, die Schwiegermutter (immerhin von Karin Baal gespielt) nervt. Alle sind angespannt. Was ist mit Mama? Bis es klingelt. Ein Mann vom Auswärtigen Amt. „Ich habe schlechte Nachrichten“, sagt er. Daraufhin der Hausherr: „Ja gut, dann kommen Sie rein.“ Das perfekte Leben fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Schuld hat der Rasta-Sohn, der seiner türkischen Freundin mit dem Drogen-Deal das Studium bezahlen wollte. Und seine Familie wollte der gute Junge auch retten. Liebe, Eifersucht und andere Katastrophen kommen hinzu. Ein wildes Potpourri aller nur erdenklichen Probleme. Immerhin, die Gefängnisszenen sind gut gespielt. Aber spätestens beim Tunnelgraben wird zu dick aufgetragen. Die Unschuldige, die sich nach wochenlanger Gefängniszeit in dem unterirdischen Labyrinth bestens zurechtfindet, wird befreit. Abenteuerlich, der Plot von „Für immer verloren“.

Im Grunde wäre die Story besser „für immer verloren“ geblieben. Leider hält der Film nicht, was der Titel verspricht. Richtig verloren hat am Ende nur einer. Mama hatte einen türkischen Liebhaber, von dem ihr Mann nichts wusste. Jener schaut bereits am Anfang so verzweifelt drein, dass der Zuschauer weiß: Der Typ hat keine Chance.

Nico Hofmann, einer der Großen seines Fachs, hat den Film (Buch: Johannes Wünsche, Regie: Uwe Janson) produziert. Manchmal fragt man sich: Warum? Hofmann hat unter anderem den Sat 1-Zweiteiler „Der Tunnel“ und die Oetker-Entführung verfilmen lassen. Demnächst ist sein beeindruckender Fernsehfilm über den 17. Juni zu sehen. Was aber will uns dieses Familiendrama sagen? Auch oder gerade die Familie Mustermann ist nicht vor Katastrophen gefeit? Und wer in die Türkei reist, hüte sich vor Plastiktüten am Flughafen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar