Medien : Unter Krähen

Ulrike Simon

Es ist doch immer wieder unterhaltsam, wenn sich Journalisten öffentlich was auf die Mütze geben. So wie am Donnerstag, als "Bild"-Chef Kai Diekmann über "Stern"-Chef Thomas Osterkorn sagte: "Es gibt auch ein Recht auf Dummheit. Was Thomas da geschrieben hat, halte ich für dumm". Worum ging es? Eigentlich um "Medien seit dem 11. September". So lautete das Thema einer Diskussion im Rahmen der Tagung der Zeitschriftenverleger in Berlin. Im Mittelpunkt stand dann aber das Editorial im letzten "Stern". Darin hatte Osterkorn das blinde Versprechen "uneingeschränkter Solidarität" mit den Amerikanern im Krieg gegen den Terror kritisiert. Zugleich monierte er, dass die PDS, die sich als einzige Partei einer Beteiligung an diesem "sinnlosen Krieg" total verweigere, dafür von den Koalitionsverhandlungen in Berlin ausgeschlossen werde.

Das Editorial ist eine Woche alt und in Teilen von der Aktualität überholt. Für den "Stern" und Osterkorn war dieses Editorial meinungsstark wie selten. Man muss die Meinung ja nicht teilen. Sie zu äußern muss jedoch erlaubt sein. Unruhig macht daher, dass sich andere Medien hinterher wunderten, dass Osterkorn "so etwas" überhaupt schreiben durfte und rätselten, ob er dafür gefeuert werde - schließlich habe sein Konzern-Oberboss Middelhoff ebenso uneingeschränkte Solidarität bekundet.

Die Meinungsstärke, die Osterkorn bewiesen hatte, war auf dem Podium aber wie weggeblasen. So richtig stand er wohl nicht mehr hinter seinem eigenen Text. Er wand sich. Die Diskussion wurde dennoch spannend, als Moderatorin Sandra Maischberger den "Bild"-Chef fragte, ob es bei ihm überhaupt denkbar wäre, derart Amerika-Kritisches zu schreiben. Das neu aufgenommene Bekenntnis zum transatlantischen Bündnis in die Unternehmensgrunsätze des Axel Springer Verlages ("Die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika") könnte schließlich vermuten lassen, dass es dort um die innere Pressefreiheit nicht so gut bestellt sei. "Was bei Springer passiert, ist das Anschwellen der Selbstzensur. Die vom Presserat empfohlene innere Distanz wird aufgegeben", mahnte Rudolf Thiemann als Vertreter der konfessionellen Presse an. Diekmann sprach daraufhin die Bandbreite publizistischer Meinungen in "Bild" an und nannte das Beispiel Peter Scholl-Latour, der fragte: "Wie soll man uneingeschränkte Solidarität üben mit einem Land, dessen Politik personifiziert ist mit Bush, der ja nun nicht gerade über die absolute Genialität verfügt?" Und Diekmann hatte noch ein Beispiel parat: das des Kriegsgegners Jürgen Todenhöfer (Burda-Vorstand, Ex-Bundestagsabgeordneter und Kenner Afghanistans), der am Donnerstag in "Bild" einen Kommentar schrieb, in dem er die Vorgehensweise der USA kritisiert und eine Feuerpause fordert. Ein cleverer Zug von Diekmann. Offen bleibt die Frage, warum für diese Art von Meinungen Gastautoren zur Mitarbeit gebeten werden. Sie mussten das Bekenntnis ja nicht unterschreiben und müssen folglich auch keine Angst vor Repressalien haben.

Dem "Stern" wurde auf dem Podium aber auch Kampagnenjournalismus vorgeworfen - und zwar ausgerechnet von Diekmann, der sich gegen diesen Verdacht schon häufiger wehren musste. "Dieses Thema ist zu ernst für eine Kampagne", sagte er und verwies auf den Beitrag von Ulrich Wickert in "Max" (Vergleich Bush/bin Laden) und das aktuelle "Stern"-Titelbild, auf dem Prominente fordern "Stoppt diesen Krieg". "Da geht es nicht um Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern darum, mediale Aufmerksamkeit zu generieren", sagte der Chef von Europas auflagenstärkstem Boulevardblatt. Wie er das nennen würde, als das "Bild"-Logo nach dem 11. September mit der amerikanischen Flagge unterlegt wurde, fragte Maischberger. Diekmann: "Einen demonstrativen Akt von Solidarität".

Was ist nun also mit den Medien nach dem 11. September geschehen? Sie stehen im Mittelpunkt wie selten. Sie wandeln auf einem sehr schmalen Grat. Man ist stolz auf Coups und zeigt auf die Fehler der anderen. Alles wie gehabt.

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