Medien : Unter Männern

Charlotte Roche ist zurück – diesmal geht es nicht um Frauenkörper, sondern um Berufserfahrungen

Hannes Heine

Es ist kalt und regnet, als die ungewöhnliche Praktikantin pünktlich um sechs Uhr morgens zum Dienst antritt. Starautorin ist sie schon, Talkshowgröße auch. Nun kehrt Charlotte Roche als Hospitantin in die Welt der Werktätigen zurück.

Nach dem Erfolg ihres als pornografisch bezeichneten Romans „Feuchtgebiete“, der auf 200 Seiten Körperöffnungen und Ausscheidungen aus Frauensicht thematisiert, tritt Charlotte Roche ab heute wieder vor die Kamera. Sie trifft dabei auf Menschen, die fast nie im Fernsehen auftauchen, obwohl ohne sie nichts laufen würde: Müllfahrer, Trucker, Altenpfleger, Bestatter und Revierförster. Fünf Wochen lang wird die 30-jährige Mutter jeden Mittwoch beim Arbeiten gezeigt. Ein voller Werktag ist auf passable 30 Minuten zusammengeschnitten worden.

„Charlotte Roche unter ...“ heißt die Reihe im öffentlich-rechtlichen Sender 3sat. Es gebe keine Drehbücher, verspricht die frühere Viva-Moderatorin. Alles passiere ungeplant, spontan. Das klingt glaubhaft, denn geplant kann sie Michael Wolski – schon in zweiter Generation bei der Duisburger Müllabfuhr – kaum mit trivialen Erkenntnissen wie dieser begegnet sein: „Menschen machen ganz schön viel Dreck.“ Und wenn Roche in der ersten Folge auf den Bonner Bestatter Ferdinand Pfahls trifft, wirkt sie beim lautstarken Betreten des andachtsvoll leisen Beerdigungsgeschäfts tatsächlich glaubhaft unüberlegt: „So viele Mitarbeiter – und die sehen alle so fröhlich aus“, wundert sie sich.

Doch Charlotte Roche ist schließlich Praktikantin. Die Bestatterkollegen lächeln verständnisvoll, und Chef Pfahl erklärt ihr das Handwerk: Särge werden nach Kundenwünschen gefertigt, Urnen in Herzform oder als Fußball sind derzeit sehr beliebt. Roche ist amüsiert. Angst bekommt sie erst vor einer aufgebahrten Leiche auf dem Weg zur Beerdigung. Bestatter Pfahls bleibt auch hier der geduldige Chef: „Der Tote tut doch keinem was.“

Geduldig ist auch Jäger Christoph Hildebrandt in der neuen Serie. Vor allem mit dem Dauerflirten seiner Hospitantin kann er selbst bei stundenlangem Warten in der Dämmerung noch souverän umgehen. Da Charlotte Roche ihre Kurzzeit-Vorgesetzten nicht investigativ befragt und Debatten über deren Jobs vermeidet, bleibt nur der „charmante Aufprall“ zwischen den Welten, den der Kultursender 3sat zum Konzept der Sendung erklärt hat. Doch „charmant“ trifft es eben nicht ganz: Charlotte Roche hat nicht zufällig fünf Männer für diese Reihe ausgesucht. Die verheiratete Kölnerin mimt das neugierige Mädchen, turtelt, während die zumeist älteren Herren Welterklärer spielen dürfen. Die Zuschauer lernen dabei allerdings eine Menge Unterhaltsames über die gemeinhin ja nicht so bekannten Berufe: Wieso etwa hat Jäger Hildebrandt zwei Gewehre dabei? „Mit der großen Kugel schießt man Kaninchen nicht, da kostet die Kugel mehr, als das Kaninchen an Wert hat“, sagt Hildebrandt. Auch das ist interessant: Seit der Mensch die Tollwut in den Griff bekommen habe, fehlten den streunenden Füchsen die bitter benötigten natürlichen Feinde, klagt der Jäger.

Charlotte Roche lernt, die Zuschauer lernen. Nichts werde für die Sendung zweimal gedreht, keine Aussage korrigiert, sagt 3sat. Die Idee zu der Reihe stamme von Roche selbst. Mit 3sat habe sie einen Sender gefunden, mit dem sie „entspannt“ zusammenarbeiten könne. „Mit dem Fernsehen habe ich irre schlechte Erfahrungen gemacht. Gucken gerne. Aber nicht mitmachen. Ich bin immer im schlimmsten Streit geschieden.“ 3sat hofft, dass es nach den fünf Folgen weitere geben wird. Noch sei das unklar. In ihrer Sendereihe will Charlotte Roche mit Vorurteilen aufräumen, auch mit ihren eigenen.

Etwa dem, dass Lastwagenfahrer Spießer mit Hang zu Pornoheften sind. Harald Kostial, Spediteur und Fahrer eines 40-Tonners, hat die Roche auf eine Tour nach Frankreich mitgenommen und entpuppt sich dabei als humoriger Lebemann, der Pornohefte – oder Roches Roman „Feuchtgebiete“ – nicht braucht, weil er erotische Aufnahmen seiner Frau im Handy bereithält.

„Charlotte Roche unter Bestattern“, 3sat, 23 Uhr 15; ab heute fünf Folgen, jeweils Mittwochabend

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben