Medien : Unter uns

Dieter Hildebrandts letzter „Scheibenwischer“ und der Unterschied zwischen Zensur Ost und Zensur West

Peter Ensikat

Mit Neid und Bewunderung sahen wir Ostkabarettisten bis Ende 1989 dem Treiben unserer Westkollegen auf dem Bildschirm zu. Was die sich da in aller Fernsehöffentlichkeit trauten, und was die sich trauen durften! Der Polt, der Schneyder, der Richling, Jonas, Rogler, Freitag, Schramm – wir kannten sie alle. Dieter Hildebrandt war im Osten berühmter als alle Ostkabarettisten zusammen. Seine Auftritte waren Kult, seine Pointen wurden weitererzählt. Unser DDR-Kabarett dagegen war fast so etwas wie eine geheime Verschlusssache. Was da in den Kellern oder auf den Dachböden sozialistischer Kleinkunst getrieben wurde, blieb jeder größeren Öffentlichkeit verschlossen. Schon ein westlicher Journalist in unseren geheimen Satirekämmerchen konnte in den Augen der Funktionäre eine Bedrohung des gesamten sozialistischen Lagers darstellen. Wir durften dem Klassenfeind mit unserer – wenn auch Zensur gebremsten – Kritik am so furchtbar real- existierenden Sozialismus nicht Munition liefern. Ein berühmt-berüchtigter DDR-Satz lautete: „In diesem Kreis kann man das ja mal sagen.“ Das bedeutete, dass auch die leiseste Kritik „unter uns“ zu bleiben hatte. Probleme löste man am besten durch Verschweigen.

Die Satire in den DDR-Medien machten Partei- und Staatsführung allein. Übrigens auch unter Ausschluss einer größeren Öffentlichkeit. Das Fernsehen der DDR war sowas wie ein Lokalsender für den Raum Dresden. Den Rest des kleinen Landes versorgten ARD und ZDF.

War es ein Wunder, dass wir Dieter Hildebrandt und seine Mannen (Frauen kamen und kommen im Kabarett leider immer noch selten vor) von ganzem Herzen beneideten und uns nur zu gern auch mal an ihre Stelle gewünscht hätten? So respektlos wären wir mit unseren Oberen auch gern mal ins Gericht gegangen. Ein Staat, der sich solche Kritiker leistet, dachte der Westfernsehen schauende DDR-Bürger, kann so schlecht gar nicht sein, wie er in den DDR-Medien dargestellt wird. Ich behaupte: Dieter Hildebrandt hat mit seiner Kritik an der Bundesrepublik mehr zum Ansehen dieser Republik beigetragen als jeder, der nur ihr Loblied sang. Sendungen wie „Notizen aus der Provinz“ oder eben „Scheibenwischer“ machten allemal wett, was ein „ZDF- Magazin“ an Kopfschütteln bei unsereinem auslösen konnte.

Dass es auch im Fernsehen der Bundesrepublik Zensur gab, erfuhr ich erst von Sammy Drechsel, dem legendären Chef der „Lach- und Schießgesellschaft“ und Regisseur oder spiritus rector des „Scheibenwischers“. Nach dem berühmten Hildebrandt/Schleyer-Gastspiel in Leipzig – also noch zu DDR-Zeiten – fuhr ich mit ihm zusammen nach Berlin, und er teilte mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, dass er zum SFB-Intendanten bestellt sei, weil es mal wieder Ärger gäbe wegen der nächsten „Scheibenwischer“-Sendung. Hildebrandt sollte davon um Himmels Willen nichts erfahren, weil er bei jedem Zensurverdacht sofort auf die Barrikade gehen würde.

Als ich dann selbst unter öffentlich-rechtlichen Bedingungen zu arbeiten begann, lernte ich den Unterschied zwischen Zensur und Zensur kennen. Die eine hat grob und ungeschickt verboten, die andere gibt ganz beiläufig, aber unmissverständlich zu bedenken: Fernsehsendungen muss man nicht verbieten, man kann sie auslaufen lassen. Schließlich gibt es doch auch ein gemeinsames Interesse daran, dass die Quote stimmt und der Fernsehrat nicht unnötig verstimmt wird.

Und so beliebt, wie es der „Scheibenwischer“ jetzt aus Anlass der letzten Sendung offiziell geworden ist, kann er gar nicht immer gewesen sein. Sonst hätte man doch nicht so oft an Sendeplatz und Sendeformat herumbasteln müssen. Wie wenig man ihn in Bayern geliebt hat, das hat der Bayerische Rundfunk wenigstens ehrlich zugegeben, indem er sich mehrfach aus der Sendung gestohlen hat. Dass jetzt ausgerechnet dieser Bayerische Rundfunk sein Interesse an einer Fortsetzung des „Scheibenwischers“ in Zusammenarbeit mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg bekundet hat, macht einen wie mich misstrauisch. Könnte es sein, dass das jetzt ein ganz anderer Bayerischer Rundfunk ist als der, der seinen Zuschauern solchen Schweinkram einst nicht zumuten wollte? Oder stellt man sich in München jetzt einfach einen ganz anderen „Scheibenwischer“ vor?

Der Autor ist künstlerischer Leiter des Berliner Kabaretts „Distel“. Der letzte „Scheibenwischer“ kommt am Donnerstag um 20 Uhr15 im Ersten.

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