Untergang : In der Tiefe des Programms

Ohne James Camerons Katastrophen-Blockbuster sieht das Fernsehen beim Titanic-Jahrestag eher blass aus. Die ARD zeigt sogar einen höchst umstrittenen Propaganda-Streifen von 1943.

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Das bekannteste Wrack der Welt. 100 Jahre nach dem Untergang fördern die TV-Dokumentationen sogar einige neue Erkenntnisse an die Oberfläche. Foto: dapd
Das bekannteste Wrack der Welt. 100 Jahre nach dem Untergang fördern die TV-Dokumentationen sogar einige neue Erkenntnisse an die...Foto: dapd

Der Untergang der Titanic, die am 14. April 1912 vor Neufundland auf den Grund des Atlantiks versank, hat alle Elemente der griechischen Tragödie. Die Filme über die Katastrophe leben nicht zuletzt davon, dass in den zwei Stunden vom Zusammenprall mit dem Eisberg bis zum Untergang einige zu Helden werden. Für Hans Magnus Enzensberger hat der Geschichte der Titanic sogar universelle Gültigkeit jenseits des historischen Ereignisses. Das Fernsehen lässt diese Größe zum Jubiläum jedoch vermissen. Es gibt zwar einige sehenswerte Dokumentationen. Das ZDF hat sich sogar an einer Neuverfilmung versucht. Doch der ganz große Wurf ist nicht dabei. Schlimmer noch: Das Erste zeigt einen höchst umstrittenen Propaganda-Streifen von 1943 über den Untergang des Luxus-Liners.

Den erfolgreichsten Titanic-Film aller Zeiten gibt es dagegen nur im Kino. Der Film von James Cameron aus dem Jahr 1997 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet kehrt am 5. April nur auf die große Leinwand zurück, als aufwendige 3-D-Überarbeitung. Ganz ohne Cameron muss das Untergangs-Jubiläum allerdings auch im TV nicht auskommen: Der Digitalsender Spiegel Geschichte zeigt via Sky am 8. April die Doku „James Camerons Tauchfahrt zur Titanic“. Der Film, der von der schaurigen Schönheit der Unterwasseraufnahmen vom Titanic-Wrack lebt, ist nach wie vor sehenswert.

Das ZDF wagt sich mit einer Neuverfilmung an den Jahrestag: Der britische TV-Vierteiler von Regisseur Jon Jones läuft an diesem Wochenende zuerst auf ZDFneo, bevor er dann als Zweiteiler am Karfreitag und Ostermontag im Nachmittagsprogramm des ZDF gezeigt wird. Im Film nach dem Drehbuch von Oscar- und Emmy-Preisträger Julian Fellows wird vor dem Hintergrund der Titanic-Katastrophe der Untergang der Klassengesellschaft beschrieben. In den ersten drei Folgen wird auf die unterschiedlichen Klassen an Bord der Titanic geblickt, bis es dann zum Untergang kommt. Ausführlich werden britische Ressentiments gegen Amerikaner, irische Kritik an den Briten, und das Verhältnis von altem Adel zu reichen Emporkömmlingen beschrieben. Doch die Standesdünkel und nationalen Animositäten werden eher für das britische denn das deutsche Publikum ausgebreitet. Wer sich für diesen gesellschaftskritischen Blick auf die Zeit vor dem ersten Weltkrieg dennoch interessiert, kann den kompletten Vierteiler am 13. April auch im ZDF in der „Langen Nacht der Titanic“ am Stück sehen.

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Titanic-Film von 1912 "In Nacht und Eis"
Titanic-Film von 1912 "In Nacht und Eis"

Die ARD hat am 13. April den Titanic-Film von Herbert Selpin und Werner Klingler im Programm, eine nicht unproblematische Entscheidung. Der im Kriegsjahr 1943 entstandene Streifen wurde zwar für die seinerzeit guten Trickaufnahmen gelobt, zugleich aber strotzt der antibritische Propagandafilm vor hanebüchenen Behauptungen. So sei es zur Katastrophe gekommen, weil die vor dem Konkurs stehende Reederei den Kapitän bestochen habe, damit dieser die Titanic auf eine aberwitzige Rekordjagd um die schnellste Atlantiküberquerung schickt. Die ARD- Ankündigung geht darauf nicht ein.

Erhellender sind ohnehin die Dokumentationen, beispielsweise bei ZDF-History mit Guido Knopp am 8. April. Er legt das Hauptaugenmerk auf jene tapferen Besatzungsangehörigen, die mit ihrem Einsatz als Heizer oder Elektriker dafür sorgten, dass sich die Titanic länger über Wasser hielt, so dass mehr Menschen gerettet werden konnten. Bereits an diesem Samstag lüftet Arte „Die letzten Geheimnisse der Titanic“. Tatsächlich hat sich in den anderthalb Jahrzehnten seit Camerons Kino-Drama in der Titanic-Forschung einiges getan. Arte hat den Tiefseetaucher Paul-Henri Nargeolet begleitet, einen international anerkannten Titanic-Experten, der schon an zahlreichen Expeditionen zum Wrack teilgenommen hat. Die wohl wichtigste neue Erkenntnis nach einer weiteren Untersuchung des Rumpfes ist, dass der Eisberg das Schiff nicht der Länge nach aufgeschlitzt hat. Offenbar hat der Zusammenstoß die Bordwand an mehreren Stellen so stark eingedrückt, dass die mit Nieten zusammengehaltenen Nähte an mehreren Stellen aufgeplatzt sind. Eine weitere Nietenreihe, wie an anderen Stellen vorhanden, hätte möglicherweise das Schlimmste verhindert.

Überhaupt ist es immer wieder diese Erkenntnis, wie leicht die Katastrophe mit den über 1500 Toten hätte abgewendet werden können – wären die Ferngläser für den Ausguck nicht weggeschlossen worden, hätten die Funker weniger Grußbotschaften verschickt oder hätte es mehr Rettungsboote gegeben. Auch hundert Jahre nach der Havarie und nach Hunderten von Film- und Fernsehuntergängen kann man sich dem nur schwer verschließen.

„Titanic“, ZDFneo, Samstag und Sonntag jeweils 20 Uhr 15; „Die letzten Geheimnisse der Titanic“, Arte, 20 Uhr 15

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