Unterhaltungsshows : Alles wacht, einer schläft

Wochenende der großen Talker: Gottschalk, Schmidt und Kerner im Vergleich - wer von den Moderatoren bot die beste Unterhaltung für das TV-Publikum?

Matthias Kalle
gottschalk heesters
Wetten, dass nicht? Der 105-jährige Johannes Heesters (links) entschuldigt sich bei Moderator Thomas Gottschalk und einem...Foto: dpa

Kann man anhand einer Unterhaltungsshow im Fernsehen darauf schließen, wie es einem Land gerade geht? Was sagen Tempo, Gäste, Spannungsbogen über die Befindlichkeiten der Nation aus? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Zustand des Moderators und dem Zustand der Zuschauer? Wenn es nach Thomas Gottschalk gehen würde, dann könnte man dies alles tatsächlich tun, Gottschalk sieht sich seit Jahren als einen Moderator, der eint. „Wetten, dass ..?“ ist in seinen Augen nicht bloß eine Samstagabendshow, sondern ein Ereignis, das die Nation in gewisser Weise bewegt, mindestens aber beschäftigt – vielleicht wäre es ein guter Vorsatz für 2009, wenn er von diesen Ansprüchen wegkommen könnte. Die letzte „Wetten, dass ..?“-Ausgabe des Jahres, die am Samstag im ZDF lief, bewies einmal mehr, dass das Fernsehen diesen Anspruch seit langem verloren hat. Früher war die Sendung vor Weihnachten traditionell der Höhepunkt der jeweiligen Staffel. Oft passierte Überraschendes. Diesmal war die Überraschung, dass immerhin über zehn Millionen Zuschauer sich das angeschaut haben.

Die wurden Zeugen, wie Gottschalk an seinen eigenen Ansprüchen langsam zerbricht: Es war nicht die schlechteste „Wetten, dass ..?“-Sendung aller Zeiten, es war auch nicht eine der besseren, sie war harmlos, nett, egal. Das ist nicht schlimm. Es ist Fernsehen. Schlimm ist das Staatstragende, mit dem Gottschalk versucht, der Sendung einen höheren Sinn zu verleihen. Der Höhepunkt war diesmal, dass 30 erwachsene Männer ihre Hose ohne den Gebrauch der Hände anziehen konnten – das ist albern, sinnlos, aber eben auch der Kern einer Samstagabendshow.

Was war sonst? Der australische Schauspieler Hugh Jackmann macht Hoffnung darauf, dass seine Moderation der Oscar-Verleihung im kommenden Jahr gut werden könnte – er ließ sich auf den ganzen Quatsch ein, tauschte mit Gottschalk die Schuhe, hob die Familienministerin Ursula von der Leyen aus einer Mülltonne und trug sie aufs Sofa. Was die Ministerin in der Show zu suchen hatte, bleibt schleierhaft. Immerhin konnte man sich über das Diakonissenhafte an ihr aufregen, während Schauspielerin Alexandra Neldel den Beweis erbrachte, dass es in Deutschland schlichtweg keine Stars gibt. Sogar Til Schweiger erstarrte ob der Omnipräsenz von Jackmann, der als Einziger verstand, was Unterhaltung am Ende ist: Leichtigkeit. Wie Blei lag auch der Auftritt von Johannes Heesters auf der Sendung. Der Mann ist 105 Jahre alt. Als er 100 war, sagte Gottschalk, in fünf Jahren solle er bitte wiederkommen. Vor einer Woche nannte Heesters in einem holländischen Interview Adolf Hitler einen „netten Kerl“. Man sollte Heesters in Ruhe lassen. Er erinnert an ein trauriges, müdes Zirkuspferd, und am Samstag, bevor er sang, entschuldigte er sich beim Publikum für das Hitler-Zitat. Was manche als große Geste einstufen, hätte man allen Beteiligten ersparen sollen: Es war zu viel, zu schwer, zu unangenehm.

Leicht und angenehm ging es hingegen am Sonntagmorgen zu in der Sendung „Doppelpass“ im Deutschen Sportfernsehen (DSF). Seit Jahren sitzen da Menschen, die von Fußball leidlich Ahnung haben, und reden über den Bundesligaspieltag, gestern waren Harald Schmidt und Johannes B. Kerner zu Gast. Von beiden kann man aus ganz unterschiedlichen Gründen halten, was man will, aber in der Sendung zeigten sie, wie viel man gewinnen kann, wenn man sich entspannt zurücklehnt und sich auf dieses herrliche Nichts einlässt. Beide ruhten in sich, ließen den Moderator Jörg Wontorra seine Arbeit machen, wenn sie auf etwas keine Antwort wussten, sagten sie: „Weiß ich nicht.“ Kerner erinnerte durch seine Art daran, dass er in den 90er Jahren tatsächlich eine Fußball-Moderatoren-Hoffnung war, Schmidt zeigte, was er in seiner eigenen Show leider fast gar nicht mehr zeigt, nämlich, wie einfach Fernsehunterhaltung funktionieren kann: zwei, drei gute Gags und dabei immer die Gewissheit, dass das eigene Tun den Lauf der Welt in keiner Weise beeinflussen wird.

Besser kann man sonntagmorgens nicht unterhalten werden. Besser hätte man Samstagabend auch nicht unterhalten werden können.

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