Medien : Unterricht heißt Nahkampf

„Guten Morgen, Herr Grothe“, ein Lehrer-Schüler-Drama in der ARD

Thilo Wydra

Nicht fassbar, unnahbar – das scheint in all seinem Auftreten der so provokative Nico (Ludwig Trepte) zu sein, der 15-jährige Protagonist in Lars Kraumes neuem Fernsehfilm „Guten Morgen, Herr Grothe“. Eine Berliner Hauptschule, eine Schulklasse, der Deutschlehrer (Sebastian Blomberg), der Schüler. Nico ist aggressiv, stört den Unterricht vehement, und Herr Grothe ist zunächst überfordert, hilflos. Bis er sich entschließt, diesem Nico zu helfen, ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er offen auf ihn zugeht, ihn nicht fernhält, bestraft.

Ein ambivalentes Lehrer-Schüler-Verhältnis ist es, welches Regisseur Lars Kraume („Keine Lieder über Liebe“) hier in einer sehr genau skizzierten schulischen Alltagssituation nach dem Drehbuch von Beate Langmaack inszeniert hat; ambivalent, weil der Handlungsdrang des Mittdreißigers Michael Grothe für den Zuschauer nicht immer völlig nachvollziehbar ist. Eine beinahe schon altruistische Opferbereitschaft liegt seinem Verhalten zugrunde. Der gute Mensch von Berlin. Ein allzu umfassendes Verständnis für das lärmende Enfant terrible, das den anderen Schülern willentlich und wissentlich schadet – nicht zuletzt Lehrer Grothe. Und Grothes eigenes Leben, der selber Vater eines Sohnes ist, geht den Bach runter, seine Ehe mit Sibylle (Nele Mueller-Stöfen) scheitert, da er sich nur noch dem Beruf, dieser seiner Berufung des Lehrer-Seins widmet. Auch die zarte Verbindung zu seiner aparten Kollegin Lisa Kranz (Nina Kunzendorf), die in so mancher pädagogischen Frage anderer Meinung ist, scheint nicht zukunftsträchtig. Kraumes Film ist bei alledem neben der individuell persönlichen Geschichte auch ein allgemeiner Blick auf eine Generation, der erschreckenderweise Bildung und Kultur und ein entsprechendes soziales Verhalten abhanden gekommen scheinen – oder aber erst gar nicht anerzogen wurden. Schlagworte wie Pisa oder Rütli-Schule drängen sich auf.

Einige Stellen in diesem schwierigen, spröde daherkommenden Schüler-Lehrer-Drama sind daher so beklemmend, dass die Paralyse des Lehrers und der Klasse angesichts des Psychoterrors durch einen Einzelnen gut spürbar ist. Es sind Szenen, deren Aggressionspotenzial sich durchaus auf den Zuschauer auswirken kann. Es bleibt bei aller Fiktionalität ein ernüchternder Blick auf eine bestimmte Schicht des deutschen Nachwuchses. Und der damit eine Wertedebatte bloßstellt, die nur theoretisch geführt und nicht praktisch umgesetzt wird.

„Guten Morgen, Herr Grothe“, ARD, 20 Uhr 15

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