Medien : Unterschichtenfernsehen?

TV-Konsum: kaum Unterschiede in der Bevölkerung

Joachim Huber

Da gibt es dieses Vorurteil. Die Empfänger von ALG-II- und Hartz-IV-Zahlungen, zudem etikettiert als bildungsschwach und leistungsfern, nutzen mehr als der Rest der Bevölkerung das so genannte „Unterschichtenfernsehen“. Also das, was sich bei den Öffentlich-Rechtlichen vielleicht als Telenovelas und bei den Privaten möglicherweise als Gerichtsshow identifizieren lässt. Die Medienforschung der großen Sender hält kein Daten darüber bereit, welche einzelnen Programme von ALG-II- und Hartz-IV-Empfängern tatsächlich eingeschaltet werden. Nach Ansicht von ARD-Medienforscher Camille Zubayr erlaubt das Kriterium „Einkommen“ keine allgemeingültige Aussage: „Haushalte mit geringem Monatsbudget können sowohl Arbeitslosen- als auch Rentnerhaushalte sein.“

Annäherungen über das Fernsehverhalten der so genannten Unterschichten ermöglichen die „Sinus-Milieus“, wie sie insbesonders die Werbewirtschaft verwendet. Da hiermit auch der Verkauf von Werbung angekurbelt werden sollen, verbergen sich die ALG-II- und Hartz-IV-Haushalte hinter so euphemistischen Begriffen wie „Konsum-Materialisten“ und „Traditionsverwurzelte“. Die erste Gruppe stellt in der Bevölkerung rund elf Prozent, die zweite 13 Prozent. Betrachtet man beide Gruppen in ihrem Zuspruch zum Fernsehen im Zeitraum 13 bis 17 Uhr – das Zeitfenster für Telenovelas und Gerichtssshows –, dann liegen die „Konsum-Materialisten“ bei 12,5 Prozent in der Gesamtheit aller Fernsehzuschauer in diesem Intervall, also knapp über ihrem Bevölkerungsanteil; bei den „Traditionsverwurzelten“ ist der TV-Anteil bei 15,1 Prozent gegenüber 13 Prozent in der Bevölkerung. Bei beiden Gruppen ist es so, dass sich, je mehr die Tageszeit voranschreitet, ihre prozentualen Ausschnitte am TV-Publikum ihrem Anteil an der Bevölkerung angleichen: „Konsum-Materialisten“ 11,1 Prozent zwischen 20 und 23 Uhr; „Traditionsverwurzelte“ 14,4 Prozent zwischen 20 und 23 Uhr.

Auch bei einem anderen Kriterium ergibt sich ein vergleichbares Bild. Menschen mit Volksschul- oder Hauptschulabschluss machen in der Bevölkerung 50,5 Prozent aus. Im TV-Intervall 13 bis 17 Uhr sind sie mit 59,4 Prozent vertreten. In diesem Wert können die jungen bis älteren Hartz-IV-Empfänger aber genauso drinstecken wie die Rentner und Pensionäre. Auch für andere Abschlüsse bis hin zum Studium gilt: Im Fernsehpublikum bildet sich die Bevölkerung ab, von den sozialen Schichten her gesehen gibt es in keiner Schicht die Fernsehsüchtigen oder die Fernsehverweigerer.

Gilt also die umgekehrte Annahme: Hartv IV sieht genauso fern wie Nicht-Hartz-IV? Stimmt und stimmt nicht. Die „Konsum-Materialisten“ schalten die Privatsender deutlich stärker ein als die öfffentlich-rechtlichen Sender. Die Zahlen für das Intervall 13 bis 17 Uhr: 12,5 Prozent Anteil im Fernsehpublikum, sortiert nach öffentlich-rechtlich und privat sind das 14,1 Prozent für Privat, 10,5 Prozent für ARD & Co. Damit ist die Ableitung erlaubt, dass Menschen, die der Unterschicht angehören, eher private Programme präferieren. Dass sich aber Unterschichten ihr spezielles „Unterschichtenfernsehen“ zusammenstellen, diese Annahme ist nicht gedeckt.

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