Unverbesserlich : Altmodisch in die Zukunft

In Stuttgart sucht die neue, linksalternative Zeitung „Kontext“ den Wutbürger. Sie hat prominente Unterstützer wie Edzard Reuter, Dieter Baumann und Walter Sittler.

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Ruhe statt Hetze. Zu den Unterstützern von „Kontext“ zählen Edzard Reuter, Dieter Baumann und der „Stuttgart21“-Aktivist Walter Sittler. Screenshot: Tsp
Ruhe statt Hetze. Zu den Unterstützern von „Kontext“ zählen Edzard Reuter, Dieter Baumann und der „Stuttgart21“-Aktivist Walter...

Es fing 1982 an. Der junge Josef-Otto Freudenreich schart ein paar Journalistentalente um sich, um eine zweite Zeitung für Karlsruhe zu machen. Doch die linksalternative „Karlsruher Rundschau“ überlebt nur eineinhalb Jahre, weshalb der damalige Dauer-Praktikant Peter Turi gern den Spruch zitiert: „Alternativ geht meist schief.“ Drei Jahrzehnte später. Der nicht mehr junge, aber inzwischen als Reporter und Buchautor renommierte Josef-Otto Freudenreich schart ein halbes Dutzend Edelfedern um sich, um eine Internet-Zeitung für Stuttgart zu machen. Er will beweisen: Alternativ geht nicht immer schief.

Seit Mittwoch ist Josef-Otto Freudenreichs neue Wochenzeitung „Kontext“ online, am Samstag wird sie gedruckt der „taz“ beiliegen. Optisch wird es wohl kaum Unterschiede geben. Die „Kontext“Webseite sieht fast wie eine gedruckte „taz“-Seite aus, total Internet-untypisch: keine penetranten Singlebörsen- und sonstige Banner und Pop-Ups. Ruhe statt Hetze. Langtext pur, bis auf ein paar Fotos, die meist Freudenreichs Mitstreiter und Mitschreiber Meinrad Heck geschossen hat. Der Chef meint es eben auch mit dem Layout ernst, wenn er in einer Art Editorial zur Begrüßung der User schreibt: „Altmodisch in die Zukunft“.

Dagegen irgendwie schon wieder wie Avantgarde mutet der Titel an, der tatsächlich Programm ist. In einer (Online-)Zeit, in der sich alles nur noch um Content zu drehen scheint und es immer schwieriger wird, Informationen zu finden, die auch den Kontext betrachten, will „Kontext“ eine Lücke schließen. Gerade in Stuttgart, wo viele Leser im Vorjahr den Eindruck hatten, dass ihre lokalen Blätter mäßig über das Megaprojekt „Stuttgart21“ berichteten, also übermäßig in der Tendenz „pro Tiefbahnhof“.

Unter der Adresse www.kontext-wochenzeitung.de nimmt sich Rainer Nübel, der neben Heck, Martin Reinkowski, Susanne Stiefel und Sandro Mattioli zu Freudenreichs arriviertem Team gehört, den sogenannten Wutbürger vor. Ihn haben die Buddelarbeiten am Bonatz-Bahnhof hervorgebracht. Nübel buddelt sich in die Tiefe der Wutbürgerseele und findet dort: Sehnsucht. Sie „entsteht aus dem Erleben einer zunehmend defizitären Realität“ und könnte, warnt Nübel, „eine Gefahr besonders für konservative Politiker in ganz Deutschland“ sein. Eine zumindest plausible Psychoanalyse. Befürchtungen, „Kontext“ könne der verlängerte Arm der „Stuttgart21“-Gegner werden, nährt Nübels Beitrag nicht.

Die „Kontext“-Leute wollen hochprofessionell umsetzen, was die Presse qua Verfassung sein soll: kritisch, unabhängig, wachsam, die vierte Gewalt im Staat und so. Das klingt in den Ohren vieler Stuttgarter Journalisten gut. Endlich einer, der hier im Kessel die Bresche schlägt für seriösen Enthüllungsjournalismus, sagen sie. Die anderen, die Lokalarbeiter, verteufeln Freudenreichs Vorstoß. Der habe gut reden, der habe Geld für rechercheintensive Themen, „Kontext“ gehe an unseren realen Arbeitsbedingungen vorbei. Was übersetzt wohl heißt: Eine Langzeitreportage über Alzheimer, wie sie Susanne Stiefel in „Kontext“ vorlegt, oder Meinrad Hecks ausführliche Antwort auf die Frage, warum ein Beinahe-GAU in Schweden die baden-württembergischen Atompolitiker nicht bekümmerte, wäre rein arbeitstechnisch in einem Lokalblatt nicht drin.

Die 200 000 Euro Startkapital für Freudenreichs Zeitungsexperiment haben prominente Philantropen zusammengetragen wie Edzard Reuter (Ex-Daimler), Dieter Baumann (Ex-Leichtathlet) und der „Stuttgart21“-Aktivist Walter Sittler, der auch als Schauspieler aktiv ist. Sie haben dafür einen Verein gegründet, der später einmal in eine Stiftung übergehen soll. Das Modell „ProPublica für Arme“ schwebt Josef-Otto Freudenreich vor, also eine Non-Profit-Organisation für investigativen Journalismus nach amerikanischem Vorbild.

So etwas hat in Deutschland noch keiner mit Erfolg versucht. Die Branche beobachtet deshalb gebannt, ob alternativ sich doch rechnen kann. Oder ob „Kontext“ bloß das Produkt eines unverbesserlichen Weltverbesserers ist, eines links denkenden Menschen, dem mit dem Ende von 58 Jahren CDU-Filz die Bühne zum Tanz mit Ministerpräsident Stefan Mappus abhanden gekommen ist.

Ist sie nicht, die Bühne, und das ist sicher für viele eine Überraschung in der ersten „Kontext“-Ausgabe. Freudenreich schwimmt nicht auf der grün-roten Woge, von der er nicht weiß, wie lange sie wogt. Seine und des Ko-Autors Nübel Prognose: „Jeder, der einmal geglaubt hat, er könne sich in der Partei der Sonne wärmen, wird schnell eines Schlechteren belehrt.“

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