Medien : US-Medien: Aufmarsch der Kriegsreporter

Malte Lehming

Steve Harrigan hat es geschafft. Der CNN-Korrespondent war einer der ersten US-Reporter, dem es nach dem 11. September gelungen war, nach Afghanistan zu kommen. Er hatte den Weg über Tadschikistan gewählt und war von dort aus für 300 Dollar mit dem Hubschrauber zu den Rebellen geflogen worden, die den Norden des Landes beherrschen und gegen die herrschende Taliban-Miliz kämpfen. Doch seit Sonntag geht Harrigan nicht mehr auf Sendung. Oder besser gesagt: Seine Stimme ist auf einem anderen Kanal zu hören, sein Gesicht wird nur noch im Standbild gezeigt.

Die Erklärung dafür illustriert, in welchem Maße die "Operation dauerhafte Freiheit" den Konkurrenzkampf unter den amerikanischen Medien noch einmal verschärft hat. Denn Harrigan wurde im Einsatzgebiet kurzerhand von CNNs Erzrivalen, dem Nachrichtensender "Fox", für viel Geld abgeworben. Fox allerdings verfügt in Afghanistan noch nicht über eine Satellitenleitung, die Videobilder übertragen kann. Deshalb ist einstweilen nur die Telefonstimme des Reporters zu hören. Während dessen flackert im Hintergrund die amerikanische Fahne, davor prangen die vier Buchstaben LIVE, und über dem Namen Harrigans - mit Ortsmarke Hodga Budin, Afghanistan - steht "War on Terror".

Bis zum vergangenen Wochenende hatten sich lediglich ein knappes Dutzend Reporter bis zu den Rebellen der Nordallianz durchgeschlagen. Einige kamen über die Südgrenze von Tadschikistan, andere über die Nordgrenze von Pakistan. Ein Team von "NBC" fuhr 350 Kilometer durchs Gebirge, vier der sechs Fahrzeuge blieben unterwegs stecken. Zwei Korrespondenten der BBC waren sogar als Frauen verkleidet, also vollkommen verhüllt und verschleiert, eingeschleust worden. Das schreibt die "New York Times". In Islamabad, der Hauptstadt Pakistans, sollen mittlerweile rund tausend Journalisten aus aller Welt eingetroffen sein. Die Zimmer in den besseren Hotels sind ausgebucht. Das "Marriott" hat seinen Preis auf 235 Dollar pro Nacht erhöht.

Wer von dort aus Richtung Westen fährt, gelangt zu den großen Flüchtlingslagern. Die Gegend ist unsicher, weil sie von islamistischen Kräften beherrscht wird, die auf Seiten der Taliban kämpfen. Viele Reporter erzählen, dass sie sich ohne Dauerbegleitung durch bewaffnete pakistanische Einheiten kaum noch frei bewegen können. Inzwischen ist die Grenze zu Afghanistan praktisch geschlossen. Im Kurs gestiegen ist Tadschikistan. Immer mehr Korrespondenten versuchen, von dort aus nach Afghanistan zu kommen. Knapp 400 von ihnen sind seit dem 11. September in der Hauptstadt Duschanbe eingetroffen. Fast alle stehen auf der Warteliste für einen der Hubschrauberflüge zu den Rebellen der Nordallianz. Wer es schließlich schafft, hat mit neuen Problemen zu kämpfen.

Elizabeth Palmer von CBS berichtet, dass sie auf dem Boden schläft und sich morgens mit Wasser wäscht, das von Eseln gebracht wird. Am schlimmsten jedoch seien die Sandstürme. "Der Sand dringt überall ein. In unserer Kamera-Ausrüstung knirscht alles. Wie lange sie das noch aushält, weiß keiner." Hinzu kommt, dass die Rebellen der Nordallianz ein gewisses Misstrauen gegenüber Medienvertretern hegen. Ihr ehemaliger Anführer, Ahmed Schah Massoud, war kurz vor den Terroranschlägen vom 11. September bei einem Attentat getötet worden. Die Bombe soll in einer Videokamera versteckt gewesen sein, die zwei Männer installiert hatten, die ihn angeblich interviewen wollten.

Gefährlich, entbehrungsreich - und teuer wird dieser Aufmarsch der Kriegsreporter, der einer der größten wird, die es jemals gab. Allein in der ersten Woche haben die US-Medien etwa 25 Millionen Dollar dafür ausgegeben. Korrespondenten werden nicht nur nach Pakistan und Tadschikistan geschickt, sondern auch nach Bahrein, Jemen oder Saudi-Arabien. In der Agentur "Associated Press" sind mindestens 50 Redakteure mit dem Krieg gegen den Terrorismus befasst, drei Viertel davon im Fernsehbereich. "Reuters" wiederum hat sein siebenköpfiges Team in Islamabad verdreifacht. Auch die großen Zeitungen - "New York Times", "Washington Post", "Los Angeles Times" und "USA Today" - haben inzwischen jeder mindestens drei Reporter vor Ort im Einsatz.

Eason Jordan, Nachrichtenchef von CNN, hat die Devise ausgegeben, der Sender müsse an so vielen Orten wie möglich präsent sein. "Wir haben uns eine Weltkarte angesehen und überlegt, wo sich Netzwerke der Terroristen befinden. Überall dort müssen wir ebenfalls sein." Allein am 11. September hat CNN eine Million Dollar für zusätzliche Teams und Ausrüstung ausgegeben. Zu den Reise- und Hotelkosten kommen Übersetzungs- und Bestechungsgelder sowie sehr hohe Übertragungsgebühren. In abgelegenen Gebieten können wenige Sendeminuten mehrere tausend Dollar kosten. Doch trotz drohender Rezession, von der die meisten US-Medien betroffen sind: zur Zeit denken die Chefredakteure weniger ans Geld als an logistische Probleme und Sicherheitsfragen.

Weil im Unterschied etwa zum Golfkrieg diesmal niemand weiß, wie der Militärschlag aussehen wird, wollen die Medien auf alle denkbaren Szenarien vorbereitet sein. Das Maß der Geheimhaltung ist ungleich größer. Aus dem Pentagon dringt nichts. "Das habe ich noch nie erlebt", sagt der Verteidigungsexperte von CNN, Jamie McIntyre. "Jedem hier wird täglich eingebleut, bloß nichts zu verraten." Besonders betroffen sind Informationen über Truppenbewegungen, Zeitabläufe und Ziele der Operation. Also alles, was nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern vor allem für den Gegner von Interesse ist.

Im Wettstreit um die besten Bilder - wer wird der Peter Arnett des Anti-Terror-Krieges? - gehen einige Reporter wohl ein zu hohes Risiko ein. Die 43-jährige Yvonne Ridley von der britischen Zeitung "The Sunday Express" wurde am vergangenen Freitag in Ost-Afghanistan in der Nähe der Stadt Dschalalabad von Taliban-Milizen verhaftet, berichtet die Agentur AP. Jetzt wird ihr der Prozess wegen möglicher Spionagetätigkeit gemacht.

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