US-Serie : Auf der Couch mit Gabriel Byrne

3sat zeigt die preisgekrönte US-Serie „In Treatment“

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„Darüber reden wir nächste Woche.“ Gabriel Byrne als Dr. Paul Weston. Foto: 3satZDF

Wer es mit olympischem Dauersport nicht so hat, sollte es vielleicht mal mit einer Therapie versuchen. Das ist, Verzeihung, nicht unhöflich gemeint, ein konkreter Fernsehtipp: 3sat, der kulturelle Musterknabe der öffentlich-rechtlichen Sendefamilie, feiert als Abspielstation einer ausländischen Serie Premiere und zeigt erstmals im Free-TV „In Treatment“ mit Hollywood-Star Gabriel Byrne („Die üblichen Verdächtigen“) als Psychotherapeut Dr. Paul Weston. Kein Grund zur Aufregung: Das dialoglastige Kammerspiel „In Treatment“ ist zu speziell, um daraus den Vorwurf zu konstruieren, nach ZDFneo wolle nun auch 3sat den kommerziellen Sendern das Wasser abgraben. Im Übrigen war die erste Staffel bereits im Bezahlfernsehen verwertet worden. Weitere Serien-Ankäufe sind zudem nicht geplant. Eher ist bedauerlich, dass öffentlich-rechtliche Einkäufer ausländische Serien-Juwele bestenfalls für Nischenprogramme für tauglich halten.

Immerhin sind nun Westons Behandlungs- und Byrnes Schauspielkunst frei zu empfangen. Die erste Patientin ist Laura, eine schluchzende junge Frau, die alle Register zieht, um bei ihrem Therapeuten Mitleid zu erregen. Am Ende der ersten Folge gesteht sie ihm sogar ihre Liebe, ein klassischer Fall aus dem Lehrbuch der Psychoanalyse. Weston reagiert auf diese „Übertragung“, so der Fachbegriff, eigener Gefühle auf den Therapeuten professionell: „So etwas ist nicht möglich.“ Und als Laura am Ende verzweifelt fragt: „Was soll ich jetzt tun?“, antwortet er cool: „Darüber reden wir in der nächsten Woche.“ So ganz ans Lehrbuch wird er sich in Zukunft allerdings nicht halten. Wäre ja auch langweilig.

Die knapp halbstündigen Folgen sind Fernsehkost für Feinschmecker, puristisch und herausfordernd: Ein Raum, behaglich eingerichtet, zwei, manchmal drei Menschen, Dialoge und sparsame Gesten. Die Kamera sorgt für verschiedene Perspektiven, für Nähe und Distanz, die Figuren selbst bewegen sich nur wenig. Die Spannung entsteht ohne „Action“, durch sorgfältig komponierte Gesprächsduelle und durch die serielle Dramaturgie, denn Laura und die anderen Patienten von Paul Weston begegnen den Zuschauern von „In Treatment“ im Wochentagsrhythmus immer wieder. Hier werden keine Freakshow oder peinlicher Seelen-Striptease geboten, zu Weston kommen Patienten mit nachvollziehbaren Problemen aus der (amerikanischen) Gegenwartsgesellschaft: dienstags ein überheblicher Kampfpilot, der bei einem Angriff im Irak versehentlich Kinder tötete. Mittwochs ein sportbegabtes Mädchen, das auf Leistungsdruck möglicherweise mit Selbstmordversuchen reagiert. Donnerstags ein zerstrittenes Ehepaar, das nicht weiß, ob es ihr zweites Kind abtreiben soll oder nicht.

Das Original („Betipul“) stammt aus Israel. Der amerikanische Bezahlsender HBO des weltweit größten Medienkonzerns Time-Warner, der sich als Plattform für ambitionierte Serien wie „Die Sopranos“, „Six Feet Under“ und „The Wire“ einen Namen gemacht hat, übernahm das Format und gewann für die US-Version neben dem irischstämmigen Gabriel Byrne auch die zweifache Oscar-Gewinnerin Dianne Wiest („Hannah und ihre Schwestern“). Dass sich die Dramen aus der Praxis eines Psychiaters bestens für Geschichten in Kino und Fernsehen eignen, ist im therapiefreudigen Amerika ohnehin geläufiger als hierzulande. Siehe Woody Allen oder eben die Serie um die Mafia-Familie der Sopranos, die man einst noch im ZDF bewundern durfte.

3sat hält sich nicht an den seriellen Wochenrhythmus und begründet das eben mit dem besonderen Programmumfeld durch Olympia. Zwei Wochen lang werden von Montag bis Freitag, jeweils dann ab 21 Uhr, Doppelfolgen ausgestrahlt. Danach macht sich „In Treatment“ rar. Vom 3. März an werden die restlichen 23 Filme der ersten Staffel nur noch mittwochs gesendet, ebenfalls mit Doppelfolgen ab 22 Uhr 25. Thomas Gehringer

„In Treatment“, ab Montag, 21 Uhr, 3sat

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