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US-Strategieberatungsfirma : Wikileaks veröffentlicht E-Mails von Stratfor

Stoff für neue Verschwörungstheorien: Wikileaks ist wieder da und verspricht weitere Enthüllungen in wenigen Tagen. Es geht um vertrauliche Daten eines geheim operierenden US-Unternehmens.

Lena Guntenhöner
Durch eine Lupe ist auf der Internet-Seite von Wikileaks das Wort "Secret" zu sehen.
Durch eine Lupe ist auf der Internet-Seite von Wikileaks das Wort "Secret" zu sehen.Foto: dpa

Nach der Veröffentlichung von mehreren tausend E-Mails des US-Strategieberaters Stratfor hat Wikileaks-Gründer Julian Assange weitere Enthüllungen in den nächsten Tagen angekündigt. Es gehe um die Aktionen, denen Wikileaks selbst ausgesetzt sei. "Die große Story wird in etwa drei bis vier Tagen herauskommen", sagte Assange am Montag in London. Vieldeutig kündigte er am Montag weitere Enthüllungen an, die auch dokumentieren sollen, wie er selbst ins Fadenkreuz der US-Spione geraten ist. Schon kursieren Vermutungen, dass dabei auch die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Assange in Schweden gemeint sein könnten. Ob sich der Australier damit vor der schwedischen Haft retten kann, bleibt unklar.

Er erhob schwere Vorwürfe gegen das Unternehmen Stratfor. "Sie betreiben schäbige Geschäfte", sagte Assange. Wikileaks hat nach Angaben seines Gründers gemeinsam mit 25 anderen Medien aus aller Welt für mehrere Monate die Aktivitäten von Stratfor unter die Lupe genommen. Damit solle gezeigt werden, wie solche geheimdienstlich tätigen Privatfirmen außerhalb jeder demokratischen Kontrolle agierten, erklärte Assange vor Journalisten in London. Herauskommen sei ein Skandal enormen Ausmaßes.

Die Enthüllungsplattform Wikileaks hatte am Montag mit der Veröffentlichung von mehr als fünf Millionen E-Mails des US-Militärberaters Stratfor begonnen. Hacker der Anonymous-Bewegung brachten die Daten Ende vergangenen Jahres an sich und übergaben sie jetzt an Wikileaks, wie Anonymous am Montag mitteilte. Transparenz sei notwendig, "um unsere Welt zu verstehen", begründete Anonymous die gemeinsame Aktion in einer Mitteilung im Internet-Dienst Twitter. Dass die Informationen von der Anonymous-Bewegung stammten, bestätigte Assange nicht. "Wir reden nicht über Quellen", sagte er.

Stratfor war am 26. Dezember Ziel eines Angriffs aus dem Internet geworden, zu dem sich die "Operation Antisec" von Anonymous bekannte. Die Hacker bezeichneten die letzte große Attacke des Jahres als „LulzXmas“ - eine Zusammensetzung aus dem Szenewort "Lulz" (Spaß) und "Christmas" (Weihnachten).

Wikileaks: Mails zeigen Gier von Unternehmen

Die Mails stammen laut Wikileaks aus der Zeit zwischen Juli 2004 und Ende Dezember 2011. Diese enthüllten die inneren Arbeitsweisen eines Unternehmens, das vertrauliche Informationen an große Unternehmen wie Dow Chemical oder Lockheed Martin sowie an Regierungsbehörden wie das Heimatschutzministerium oder den Militärgeheimdienst DIA liefere. "Die E-Mails zeigen das Informanten-Netz von Stratfor, die Honorarstruktur, Geldwäsche-Praktiken und psychologische Methoden", heißt es in einer Mitteilung von Wikileaks. Stratfor liefert nach eigenen Angaben geopolitische Analysen. Zu den Kunden gehören auch Firmen, die auf der Fortune-Liste der 500 umsatzstärksten Unternehmen stehen.

Wikileaks-Gründer Julian Assange sagte der Nachrichtenagentur Reuters, Stratfor greife auf Informanten in der US-Regierung, auf ausländische Geheimdienste mit einem zweifelhaften Ruf und auf Journalisten zurück. Ihn besorge besonders, dass Organisationen im Visier seien, die sich für eine gerechte Sache einsetzten. Das Material soll laut Wikileaks auch Informationen über das Vorgehen der US-Regierung gegen Julian Assange enthalten. In mehr als 4000 E-Mails gehe es um Assange oder Wikileaks. Ziel sei es, die Enthüllungsplattform zu "untergraben" und den Wikileaks-Gründer "anzugreifen".

Stratfor - not amused

Das Unternehmen verurteilte am Montag die Attacke und die Veröffentlichung der E-Mails. Der Gründer und Chef von Stratfor, George Friedman, sei entgegen anderslautenden Gerüchten weiter im Amt. Eine erste Erklärung lautet: "Einige E-Mails können gefälscht sein oder so verändert, dass sie Ungenauigkeiten enthalten; einige können authentisch sein. Wir werden weder das eine noch das andere bestätigen." Welche Auswirkungen die Veröffentlichung auf das Unternehmen, seine Mitarbeiter, Kunden und Informanten haben würden, war zunächst nicht klar. Stratfor erklärte, das Unternehmen solle durch die Veröffentlichung der Mails zum Schweigen gebracht und eingeschüchtert werden.

Wikileaks-Gründer Assange sitzt in Großbritannien fest und wehrt sich gegen eine Auslieferung nach Schweden. Dort werden ihm Vergewaltigung und sexuelle Belästigung vorgeworfen. Er selbst sieht hinter dem Verfahren einen möglichen Racheakt für die Veröffentlichungen seiner Enthüllungsplattform. Assange befürchtet, dass er von Schweden an die USA ausgeliefert werden könnte. Wikileaks hatte Ende 2010 rund 250 000 interne Mitteilungen aus US-Botschaften in aller Welt veröffentlicht.

Im Zusammenhang mit dieser "Cablegate"-Aktion und anderer "Leaks" muss sich der mutmaßliche Wikileaks-Informant Bradley Manning demnächst vor einem US-Militärgericht verantworten. Bei einem Schuldspruch droht ihm lebenslange Haft. Er ist in diesem Jahr für den Friedensnobelpreis nominiert.

Reaktionen der Internet-Community

2.330 Personen gefällt auf Facebook die Veröffentlichung aus den Global Intelligence Files, minütlich werden es mehr. "Bye, bye Stratfor" prophezeit der Twitter-Nutzer @IlluminatusHH. Datenschützer halten dagegen: "Online-Betrug, Phishing, Hacking und Cyber-Stalking, damit 'verdient' sich der moderne Gauner sein Geld." User @mpesce stellt die Gleichung "Stratfor == privatized Stazi" auf.

Nach Wikileaks Angaben bestehen mehr als 25 Medienkooperationen unter anderem mit der ARD und dem NDR, den italienischen Zeitungen "La Republicca" und "L'Esspresso" und dem "Rolling Stone" aus den USA. Twitterer @mrmoe_zfs fragt dazu: "Sehe ich es richtig, dass deutsche Staatsmedien auf Kosten der Bürger mit Verbrechern zusammenarbeiten?"

"Chavez ist ein sehr schlechter Patient"

Zu lesen sind in den Dokumenten Nachrichten wie diese von Stratfor-Chef George Friedman an seine Analystin Reva Bhalla: "[S]ie müssen auf ihn aufpassen. Aufpassen, das heißt finanzielle, sexuelle oder psychologische Kontrolle... ".

Zu Stratfors Tätigkeiten gehörte demnach auch die Überwachung der Online-Aktivisten The Yes Men aus Bhopal, Indien. Sie forderten eine Entschädigung für ein Gasunglück des amerikanischen Chemiegiganten Dow Chemical aus dem Jahr 1984, das tausende Tote, eine halbe Million Verletzte und schwere Umweltschäden zur Folge hatte.

Auch eine detaillierte Nachricht zu dem 2011 an Krebs erkrankten Staatspräsidenten Venezuelas, Hugo Chavez, findet sich. Zu lesen sind darin Einzelheiten zu Metastasen und Chemotherapien ebenso wie die Bemerkung "Chavez ist ein sehr schlechter Patient" und Spekulationen über einen Nachfolger

.Anders als bei "Cablegate" - der Enthüllung der US-Botschaftsdepeschen Ende 2010 - bieten die bisher veröffentlichten E-Mails zwar allerhand Material für Verschwörungstheorien, aber wenig handfeste Informationen über internationale Beziehungen. Frank Rieger vom Chaos Computer Club (CCC) meinte über Twitter: "Bisher hat der Stratfor-Leak ja eher Popcorn-Value als Großskandal-Charakter. Bin gespannt, was da noch kommt."

(mit dpa, REU, AFP)

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