US-Zeitungskrise : Wie eine billige Hure

Die „Boston Globe“ sieht sich von der „Times“ verlassen.

Rita Neubauer

„The Boston Globe“ hat 20 Pulitzerpreise gewonnen und war der „New York Times“ den Kaufpreis von 1,1 Milliarden Dollar wert. Eine „königliche Hochzeit“ wurde der Deal 1993 genannt. 16 Jahre und eine schwere Zeitungskrise später droht der einst gefeierten Vereinigung nun eine hässliche Scheidung. Der Verlag der „Times“ stellte der Gewerkschaft des „Globe“ ein Ultimatum. Entweder stimme sie einem rigiden Sparkurs in Höhe von 20 Millionen Dollar zu oder das 137 Jahre alte Blatt, dem dieses Jahr ein Verlust von 85 Millionen Dollar droht, werde dichtgemacht. Sollte es dazu kommen, würde Boston nur noch eine Tageszeitung haben, das Boulevardblatt „Boston Herald“ mit zehn Reportern und eigenen finanziellen Problemen. Das große Zeitungssterben in den USA geht weiter.

Während die Gewerkschaft des „Globe“am Montag betonte, dass sie der Geschäftsleitung Sparmaßnahmen präsentiert habe, die über dieses Ziel hinausreichen, erklärte die Geschäftsleitung am selben Tag, dass sie die zuständigen Behörden von der Schließung in Kenntnis setzen wolle. Sie muss dies 60 Tage vor der tatsächlichen Schließung tun. Viele Mitarbeiter vermuten, dass es längst nicht mehr um die Rettung der renommierten Zeitung geht, sondern nur noch darum, den „Globe“, dessen Wert gerade noch auf 20 Millionen Dollar geschätzt wird, abzustoßen oder dichtzumachen. „Vom Tag der Übernahme an, hat Times Co den ‚Globe‘ wie eine billige Hure behandelt", schimpft die ehemalige Kolumnistin Eileen McNamara im „Boston Herald“.

So oder so, die „grey Lady“, die „Times“, kämpft selbst ums Überleben. Ihr Aktienkurs, der einst auf über 50 Dollar kletterte, liegt bei fünf Dollar. Der mexikanische Milliardär Carlos Slim musste mit einem Kredit von 250 Millionen Dollar einspringen – zu 14 Prozent Zinsen. Auch wurde das Hauptquartier in Manhattan beliehen. Anderen Zeitungen geht es nicht besser. Im Februar wurde die „Rocky Mountain News“ in Denver eingestellt, wenige Tage vor dem 150. Geburtstag einer der ältesten Zeitungen im Westen des Landes. Das Damoklesschwert hängt auch über dem „San Francisco Chronicle“. Eine erschreckende Aussicht, hätte eine der größten Städte des Landes dann doch keine einzige Tageszeitung mehr. Und weitere Journalisten keine Arbeit: Mehr als 22 000 Jobs gingen in der jüngsten Zeit verloren. Überlebensrezepte gibt es wenige angesichts bröckelnder Werbeeinnahmen, schrumpfender Leserschaft und der Konkurrenz durch das Internet. Der ehrwürdige „Christian Science Monitor“ experimentiert mit online, die Zeitung wird nur sonntags gedruckt. Die Situation ist so dramatisch, dass sich am Mittwoch der US-Senat mit der Zeitungskrise befassen wird. Lauter werden die Forderungen, neben Banken und Autofirmen auch Printmedien mit Steuergeldern unter die Arme zu greifen. Als stärkstes Argument wird das Ende der Meinungsvielfalt und eine Gefahr für die Demokratie heraufbeschworen. Wenn nicht ein Rettungspaket, dann sollte der Staat Lesern das Abo von der Steuer abziehen lassen – wie eine Spende zur Rettung einer aussterbenden Tierart. Rita Neubauer

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