US-Zeitungssterben : Der amerikanische Patient

Neue Investoren, Info-Portale im Netz und eine Stiftungslösung – wie sich US-Zeitungen gegen die Krise wehren.

Christoph von Marschall[Washington]

Berlin kann sich glücklich schätzen mit seiner Vielfalt an Zeitungen. In den Großstädten der USA sind nicht einmal mehr zwei konkurrierende Blätter die Regel. Vielerorts müssen alte Traditionstitel aufgeben. Übrig bleibt ein Monopol oder die Aussicht auf eine zeitungslose Stadt. In Denver wurde die „Rocky Mountain News“ nach 150 Jahren täglichem Erscheinen Ende Februar eingestellt. Nun gibt es im Großraum um Colorados Hauptstadt mit 2,6 Millionen Einwohnern nur noch die „Denver Post“.

In Seattle, der größten Stadt an der nördlichen Pazifikküste, erschien der „Seattle Post-Intelligencer“, die 1863 gegründete und damit älteste Zeitung der Gegend, Mitte März zum letzten Mal. An der politischen Ausrichtung wird es nicht gelegen haben. Das Blatt tendierte zu den Demokraten, wie die Mehrheit der Wähler im Bundesstaat Washington. Nun haben die 2,7 Millionen Bürger des Großraums keine Wahl mehr, übrig blieb die zu den Republikanern neigende „Seattle Times“. Sie war 104 Jahre lang als Nachmittagszeitung erschienen und 2000 auf morgendliches Erscheinen umgestellt worden, um zu überleben.

San Francisco muss gar damit rechnen, bald gar keine lokale Tageszeitung mehr zu haben. Der „Examiner“ ist schon vor Jahren als Verkaufszeitung untergegangen. Unter dem Titel wird heute eine Gratiszeitung verteilt. Der „San Francisco Chronicle“ ist zwar die größte Zeitung in Nordkalifornien, machte 2008 aber 50 Millionen Dollar Verlust. Der Hearst- Konzern, dem er gehört, wird nicht lange zusehen. Er war auch Eigner des „Seattle Post-Intelligencer“. In San Francisco hat er fürs Erste die Streichung von 150 Jobs, die Ausweitung der Arbeitszeit auf 40 Stunden sowie Einschränkungen bei Kündigungsschutz und Urlaub durchgesetzt.

Nun macht das Wort „Zeitungssterben“ die Runde. Den Hintergrund bilden sinkende Anzeigenerlöse – 2008 gingen sie im US-Zeitungsmarkt um 18 Prozent zurück – und das Abwandern von Lesern und Kleinanzeigen ins Internet. Auch große Titel sind davon betroffen. Die „New York Times“ musste ihr neues, 2007 vollendetes Gebäude verkaufen, Stellen streichen und Gehaltskürzungen verordnen.

Die „Washington Post“ versucht zum wiederholten Mal, Redakteure durch Abfindungen zur Kündigung zu bewegen. 2008 hat sie 193 Millionen Dollar Verlust gemacht, der Verlag konnte nur dank anderer Geschäftssparten insgesamt einen Gewinn ausweisen. Die „Los Angeles Times“ ist in ihrer Existenz bedroht. Ihre Schwesterzeitung „Chicago Tribune“ kämpft ums Überleben. Die „San Diego Union-Tribune“ wurde an einen Investor verkauft. Vier Verlage mit zusammen 33 Titeln haben in den letzten drei Monaten Gläubigerschutz beantragt.

Der Jahresbericht des Pew-Instituts zur Lage der Medien unterfüttert diese Entwicklung. Nachrichten bleiben den Bürgern wichtig, aber 2008 suchten sich laut Umfragen erstmals mehr Bürger ihre politischen Informationen im Internet als in Zeitungen. Die Gesamtauflage aller US-Blätter sank um 4,6 Prozent auf 48 Millionen täglich, die Zahl der angestellten Journalisten um rund 5000 oder zehn Prozent. Doch den Begriff „Zeitungssterben“ lehnen die Pew-Forscher ab. Die Branche machte 2008 einen Umsatz von 38 Milliarden Dollar, die meisten Verlage hätten Gewinne erwirtschaftet; freilich seien sie niedriger als in den Vorjahren: um 14 Prozent im Vergleich zu 2007, um 23 Prozent gegenüber 2006.

Die große Unsicherheit ist der Umgang mit dem Internet. Der „Seattle Post- Intelligencer“ und die „Rocky Mountain News“ suchen ihre Zukunft, nachdem sie als gedruckte Zeitung gestorben sind, als lokale Informationsportale im Internet. Dorthin wandern die Leser ab. Aber lässt sich dort genug Geld verdienen, um die Qualitätsarbeit einer üblichen Zeitungsredaktion zu finanzieren? Die liefert neben umfassender Berichterstattung auch aufwändige Recherchen, wie sie für eine kritische Begleitung und demokratische Kontrolle der Politik unerlässlich sind. 90 Prozent der Erlöse, schreiben die Pew-Forscher, erzielten Zeitungsverlage immer noch mit der Druckausgabe. Deren Herstellung und Vertrieb machten aber nur 40 Prozent der Kosten aus.

Es rechne sich folglich nicht, wegen des ökonomischen Drucks ins Internet auszuweichen. Denn nach heutigem Stand bedeute das den Verzicht auf 90 Prozent der potenziellen Einkünfte, um 40 Prozent der Kosten zu sparen.

Walter Isaacson, Präsident des Aspen Instituts, schlägt vor, existenzbedrohte Zeitungen durch eine Stiftungslösung zu retten. Stiftungskapital solle auch vom Staat kommen. Zeitungen seien unverzichtbar für eine lebendige Demokratie.

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