USA : Skandal – für wen?

"New York Times" und Präsidentschaftskandidat John McCain klagen sich gegenseitig an. Wieder einmal geht es um die Kriterien für seriösen Journalismus und den Wert anonymer Quellen.

Christoph v. Marschall
Iseman
McCain bestreitet eine Affäre mit der Lobbyistin Vicki Iseman. -Foto: dpa

WashingtonÜber „den Skandal“ redet halb Amerika seit Donnerstag. Wer aber die Skandalfigur ist, muss sich erst klären. Derzeit hängt das Urteil entweder von der Parteilichkeit des Betrachters ab. Oder es wechselt fast täglich, jedenfalls bei neutralen Beobachtern. Die Glaubwürdigkeit der „New York Times“, die trotz mehrerer Pannen in den letzten Jahren vielen noch immer als beste Zeitung der Welt gilt, steht gegen die Glaubwürdigkeit des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain. Wieder einmal geht es um die Kriterien für seriösen Journalismus und den Wert anonymer Quellen. Und plötzlich zeigen sich Risse zwischen den Redaktionen und politischen Fraktionen innerhalb des renommierten Blattes.

Am späten Mittwoch hatte die Zeitung eine Recherche auf ihre Internetseite gestellt, die an McCains Image kratzt. Der stellt sich gern als schärfster Bekämpfer von Lobbyinteressen im Senat dar. Das Blatt behauptete, er habe 1999/2000, als er schon einmal Präsident werden wollte, eine zu enge Beziehung zu der damals 32-jährigen Lobbyistin Vicki Iseman unterhalten und sich im selben Zeitraum bei US-Regulierungsbehörden schriftlich für die Interessen ihres Klienten Lowell Paxson aus der Telekombranche eingesetzt. Die Redaktion sagte nicht, die beiden hätten eine Affäre gehabt. Sie deutete das aber an: Leitende Mitarbeiter des McCain-Teams hätten die Beziehung als „potenziell tödlich“ für seine Karriere betrachtet, ihn zur Rede gestellt und Isemans weiteren Zugang verhindert.

Im Druck nahm die Geschichte mehr als eine ganze Zeitungsseite ein – formal deklariert als einer der Hintergrundberichte zu den Kandidaten, ihren wichtigsten Positionen und deren Glaubwürdigkeit, die in unregelmäßigen Abständen erscheinen. Die Anklage wirkte auch deshalb überzeugend, weil die Zeitung eine Wahlempfehlung für McCain abgegeben hat. Das ist eine Entscheidung der Kommentarredaktion. Sie pflegt ein gespanntes Verhältnis zur Reporterredaktion, die den Skandalbericht recherchierte.

Die TV-Abendsendungen am Mittwoch und Morning Shows am Donnerstag stürzten sich auf das Thema, stellten aber – sex sells! – die angebliche „romantische Beziehung“ in den Vordergrund und nicht, wie die Zeitung, McCains Image als Saubermann. Der Kandidat stritt alles ab – wie auch Vicki Iseman. Er empörte sich über „diese Schmutzkampagne“. Er ist vorerst der Gewinner des Streits. Nun scharen sich Konservative hinter ihm. Zuvor hatten sie Zweifel an seiner Kandidatur, er galt als zu moderat. Der Konflikt passt so schön zum Vorurteil der Rechten, dass eine liberale Hetzpresse die Republikaner benachteilige. Die Zeitung bekam tausende empörte Zuschriften und Anrufe. Chefredakteur Bill Keller verpflichtete die Politikredaktion, in Internet-Chats Fragen zu beantworten. Den Gebrauch anonymer Quellen verteidigte er: Manchmal gehe es nicht anders, deren Namen seien ihm aber bekannt.

Die Kritiker monieren: Warum zögerte das Blatt mit der Veröffentlichung? Warum nicht vor dem Super Tuesday, als der Bericht noch wichtig gewesen wäre für die Kandidatenauswahl der Republikaner? Denn auch das kam heraus: Seit Dezember rang die Redaktion mit sich. Es hat wohl auch mit den Kräfteverhältnissen zwischen Meinungs- und Reporterredaktion zu tun. Jetzt brachte das Blatt den Bericht, um dem Magazin „The New Republic“ zuvorzukommen.

Neuerdings bestreitet auch die „Washington Post“ McCains Darstellung: Der habe sich sehr wohl mit Paxson und wohl auch Iseman getroffen, ehe er die Empfehlungsbriefe schrieb. Ist dies also ein McCain- oder ein „New York Times“- Skandal? Der Ausgang ist noch offen. Christoph v. Marschall/Washington

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