Medien : Vaterlose Gesellen

Der „Spiegel“ und die deutschen Journalisten nach Augstein Von Hermann Schreiber

-

Keiner kann ihn ersetzen, niemand wird ihm nachfolgen. Mit der Elle, die man heute an die Manager der Printmedien anlegt, ist er nicht zu messen. Man kann sich Rudolf Augstein nicht vorstellen in Debatten mit den Leuten vom Marketing darüber, wie man mit clever justiertem Content vielleicht doch noch neue Zielgruppen ansprechen könnte. Wenn wir über den Journalismus reden, für den Augstein steht, dann reden wir von Zeiten, die vergangen sind.

Gründerväter werden groß in Gründerzeiten, nicht in den Tagen der Dürre, in denen die Angst auf den vom Verdrängungswettbewerb ausgelaugten Märkten umgeht. An ihrer Nachfolge waren diese Gründerväter nur selten ernsthaft interessiert, und wenn sie es waren, dann hatten sie meistens kein Glück damit. Völlig abwegig ist die Meinung jedenfalls nicht, sie hätten es insgeheim ganz gern gesehen, wenn ihre Geschöpfe sie nicht überlebt hätten. Vielleicht haben sie ja gewusst, mindestens geahnt, dass sie unter den heutigen Bedingungen nicht mehr viel für diese Geschöpfe hätten tun können.

Wird der „Spiegel“ sich verändern, nun, da er vaterlos geworden ist? Gewiss wird er das. Aber der „Spiegel“ hat sich schon immer verändert, immer wieder, für meinen Geschmack manchmal zu zögerlich und zu spät, aber im Ergebnis mit großem Erfolg. Augstein hat seinen Anteil daran. Er hat diese Veränderungen ermöglicht, zum Beispiel durch kontroverse, aber richtige Personalentscheidungen. Er war der größte Ermöglicher, den ich in diesem Beruf erlebt habe (und wahrhaftig nicht nur ich). Was dem „Spiegel“ fehlen wird, ist das Skandalon der Augsteinschen Kommentare. Aber die fehlen ihm schon eine Weile, und er ist damit zurechtgekommen. Augsteins Erkenntnis, dass „man der Obrigkeit durch Zusammenrottung entgegentreten kann“, wird dem Blatt nicht abhanden kommen. Es wird sie praktizieren, hoffentlich.

Rudolf Augstein war ein großer Journalist, weil er an die Macht des Wortes geglaubt hat und an den Widerspruch – auch an die Widersprüche im eigenen Blatt (und in sich selber). Ich habe meine Zweifel, ob die MagazinDesigner und die Content-Provider unserer Tage das als Erfolgsrezept gelten ließen; sie würden eher davor warnen. Augstein hätte ihnen, wären sie zu seiner Zeit schon aufgetreten, wohl die Tür gewiesen. Er hat, als er sich um sowas noch selber kümmerte, auch Passagen in Manuskripten wieder „aufgemacht“, die von der Chefredaktion gestrichen worden waren. Er hatte die Autorität, das zu tun, und er hatte seine eigene, ziemlich treffgenaue Vorstellung von dem, was dem Leser (heute würde man sagen: dem Markt) zuzumuten sei.

Ein „Sturmgeschütz“ wäre auf dem Markt der Medien heute wahrscheinlich ein Kuriosum. Aber die Demokratie bedarf solcher Kanonen immer noch, vielleicht mehr denn je. Und Augsteins Tod ist ja nicht das Ende des investigativen Journalismus. Wir haben, zum Glück, Journalisten, die solchen Dienst am Gemeinwesen leisten können, die Investigation nicht verkommen lassen zum Striptease überflüssiger Enthüllungen. Es wird darauf ankommen, dass diese Journalisten genug Ermöglicher finden, wie Augstein einer war; dass sie nicht zu oft hören müssen: Das passt aber leider nicht in unser Marketing-Konzept – und außerdem haben wir nicht genug Geld.

Wir leben nicht in einer Gründerzeit, sondern, wie es aussieht, in einer Rezession. Keiner der großen Alten, die nun alle gegangen sind, hätte etwas gegen die Übermacht der Bilder, gegen die Digitalisierung der Sprache, gegen die Überfüllung der Märkte ausrichten können. Aber klamme Zeiten haben auch sie erlebt – und sie sind nicht in die Knie gegangen, sie haben ihren journalistischen Eros nicht dem Markt ausgeliefert. Sie haben ihr Spiel gespielt – und gewonnen.

Dass die Söhne der Gründerväter es auch so machen, hoffen heute die Journalisten. Sonst hieße es am Ende: Game over. Nobody wins.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben