Verdi und die "Junge Welt" : Unser Mann in Havanna

Berlin-Einladung an Fidel Castro: Wie die Gewerkschaft Verdi eine besondere Nähe zur linksradikalen Zeitung „Junge Welt“ demonstriert.

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"Zeitlich eng." Fidel Castro lehnte eine Einladung nach Berlin dankend ab.
"Zeitlich eng." Fidel Castro lehnte eine Einladung nach Berlin dankend ab.Foto: dpa

Es muss eine sehr nette Reise im Februar nach Havanna gewesen sein. In der kubanischen Hauptstadt war Buchmesse. Andreas Köhn, Fachbereichsleiter Kunst und Medien bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Berlin-Brandenburg, erinnert sich gern an den „gewaltigen Hunger der Kubaner nach Büchern“ und die Reise in eine „schöne, morbide Stadt“. Köhn gehörte zu einer deutschen Delegation, mit dabei auch der frühere DDR-Botschafter auf Kuba, Heinz Langer, Marion Leonhardt von der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba sowie Katja Klüßendorf, Marketingchefin bei der linksradikalen Zeitung „Junge Welt“. Eine illustre Runde – zusammengestellt vom Berliner „Büro Buchmesse Havanna“, einem Projekt von Verlagen, Gewerkschaften und Kuba-Solidaritätsgruppen, Klüßendorf ist dort die Leiterin.

Die Reise des 76-jährigen Langer mit Flug und Hotelübernachtungen hat Verdi finanziert. Köhn findet nichts dabei, schließlich ist der Exdiplomat Mitglied im Verdi-Zirkel Verband deutscher Schriftsteller. Er hat mehrere Bücher über Kuba geschrieben, mit Titeln wie „Die lebendige Revolution“ oder „Zärtlichkeit der Völker“. In Havanna durfte er auftreten in der einstigen Kommandantur Che Guevaras, einem der schönsten Vortragssäle auf Kuba in der Cabana-Festung. Köhn versichert, Verdi habe über Langers Reise hinaus das Buchmesse-Projekt nicht finanziell unterstützt. Und auch am früheren Botschafter sei gespart worden, gebucht habe man ihm einen „Billigflug für 700 Euro und ein paar Zerquetschte“.

Höhepunkt für die Gäste war die Teilnahme am „Treffen der Intellektuellen“ mit Revolutionsführer Fidel Castro, der neun Stunden zur Verfügung stand. Köhn hat nach eigenem Bekunden nicht alles verstanden, weil vom Spanischen nur ins Englische gedolmetscht wurde. Aber es schien ihm, dass Castro erstaunliche Ausdauer gezeigt habe und „ziemlich klar im Kopp“ gewesen sei. Auch Katja Klüßendorf von der „Jungen Welt“ freute sich über die „kämpferischen Worte“ Castros. „Alle waren sehr froh, den Comandante so zu erleben“, berichtet sie. Persönlich hatte sie die Chance, Castro zur Rosa-Luxemburg-Konferenz der „Jungen Welt“ einzuladen, die jährlich im Januar stattfindet – die Konferenz also, auf der vor einem Jahr die frühere RAF-Terroristin Inge Viett auf einem Podium saß und bei der Linken-Chefin Gesine Lötzsch über „Wege zum Kommunismus“ philosophierte. Castro gab Klüßendorf einen Korb. „Er musste herzlich lachen und meinte, das könnte zeitlich eng werden“, erzählt sie.

Richtig verstehen kann Verdi-Fachbereichsleiter Köhn nicht, warum das entspannte Verhältnis zur „Jungen Welt“ Fragen aufwirft. Schließlich gebe es die Kooperation seit Jahren. Sie kam zustande, nachdem die damalige rot-grüne Bundesregierung ihre Teilnahme an der Buchmesse 2004 in Havanna absagte. Die Idee, die gesamte deutsche Delegation zu finanzieren, sei Verdi nie gekommen. Köhn meint, dies sei „jenseits der finanziellen und politischen Möglichkeiten“ seiner Gewerkschaft.

Köhn macht kein Hehl aus seiner Haltung. Vor zwei Jahren trat er bei der DKP auf, um über „Medien gegen Konzernmacht“ zu sprechen. Im Winter gab es im Verdi-Haus eine Ausstellung mit Fotos aus Havanna, organisiert wiederum mit der „Jungen Welt“. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete kürzlich, dass bei der Luxemburg-Konferenz der „Jungen Welt“ die Helfer zum Teil Ordnerarmbinden mit dem Logo von Verdi getragen hätten. „Auch da geben wir kein Geld dazu“, sagt Köhn. „Ein paar Ordnerbinden und Absperrband – das ist ja nun eine Kleinigkeit.“

Mag sein. Dennoch wird eine besondere Nähe zur „Jungen Welt“ demonstriert – zu jener Zeitung also, die am 13. August 2011 mit einer Danksagung für 28 Jahre Mauer auf dem Titel erschien. Linksfraktionschef Gregor Gysi sagte damals, er habe mit diesem Blatt „schon lange nichts mehr am Hut“.

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