Medien : Verfallsindizien

Print-Gipfel auf den Münchner Medientagen zur Zeitungskrise

Katrin Hillgruber

Ein Unternehmensberater von McKinsey bittet um Aufnahme am Himmelstor. „So einer kommt mir hier nicht rein“, bescheidet ihn Gott kategorisch. „Nein, aber tausend müssen raus“, antwortet der Berater. Dieser Witz, von Roger de Weck kolportiert, macht derzeit in Schweizer Zeitungsredaktionen die Runde, die ebenso dramatisch wie ihre nordöstlichen Nachbarn von der Krise erfasst wurden. Die anhaltend schlechte Lage und entsprechend kleinmütige Stimmung in der Branche veranlasste die Münchner Medientage zu einem so genannten Print-Gipfel, der sich vor allem mit der Zukunft des Qualitätsjournalismus beschäftigte.

Ganzseitige Anzeigen, die selbst im aufklärerischen „Spiegel“ redaktionellen Beiträgen zum Verwechseln ähnlich sehen, peinliche Druckfehler in manchem hochangesehenen Feuilleton oder das Herabsinken der Lokalberichterstattung auf Amateurniveau, da bei den Regionalzeitungen immer mehr Stellen abgebaut werden: Das waren nur einige der Verfallsindizien, die der Leipziger Journalistik-Professor Michael Haller den Chefredakteuren auf dem Podium präsentierte. Er prangerte unsinnige Investitionen und aberwitzige Expansionen jenseits des verlegerischen Kerngeschäfts in den goldenen 90er Jahren an. Die überregionalen Kulturteile seien zu Versammlungen von 80 bis 90 „interessanten Personen“ aufgebläht worden, die die Ressortchefs einfach gerne um sich gehabt hätten. Bei kleineren Titeln dagegen gibt es einfach nichts mehr zu „verschlanken“.

Die gegenwärtige Baisse, die zu einem Rückgang der Anzeigen auf den Stand von 1998 geführt hat, ist in Wahrheit keine Krise des Journalismus, sondern der Werbeträger. „In Krisenzeiten nehmen die Zudringlichkeiten zu“, bestätigte Tagesspiegel-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Er sieht sich immer häufiger mit „bizarren Anzeigenvorschlägen“ konfrontiert und befürchtet, dass journalistische Qualität zunehmend als verzichtbarer Luxus angesehen wird. Zwar sei die Vielfalt von 340 Zeitungen in Deutschland weltweit einmalig, doch müsse diese Unabhängigkeit auch finanzierbar sein und deshalb das Kartellrecht in Ausnahmefällen gelockert werden. Franz Sommerfeld, nach Berliner Jahren inzwischen Chefredakteur des „Kölner Stadtanzeigers“, setzt in diesen Zeiten, in denen die Leser durch die elektronischen Medien stärker vorab informiert sind, auf die Recherche als Grundtugend. An einem taktischen Fehler leiden alle Qualitätszeitungen: Durch das Internet-Angebot wurde beim Leser der Eindruck vermittelt, dass Information kostenlos zu haben sei. Damit hat sich das Kulturgut Journalismus in hohem Maße selbst geschadet.

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