Medien : Vergängliche Kunst: Am ZKM in Karlsruhe werden frühe Video-Werke restauriert

Ingo Senft-Werner

Ein leichter Hauch von Alkohol liegt in der Luft. Die Fahne entsteigt einem schmalen braunen Lederlappen, der zwischen zwei antiken Videogeräten liegt. Das wichtigste Utensil für Christoph Blase, einen der Video-Doktoren des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe. Mit dem Lappen säubert er die Videoköpfe, die sich beim Abspielen der alten Bänder schnell mit Schmutz zusetzen. „Das Band müssen wir nochmals reinigen“, murrt Blase, als er zum wiederholten Mal zum Lappen greifen muss.

Das eingelegte Video eines wenig bekannten Künstlers begeistert ihn nicht sonderlich. Es zeigt einen Mann, der minutenlang immer nur Ja oder Nein antwortet – Fragen sind nicht zu hören. Da gibt es spannendere Patienten in der rund 2000 Videos zählende Halde, die auf Blase warten. „Wir haben aus New York vom Museum of Modern Art etwa 500 Videobänder geschenkt bekommen. Da sind mindestens 50 Kronjuwelen dabei.“ Diesen Schatz will Blase bald sichten. „Da ist wahrscheinlich auch ein Konzertmitschnitt von den Rolling Stones Ende der 60er Jahre dabei.“

Der fensterlose Raum im ZKM ist mit technischen Geräten vollgestopft. „Unsere große Aufgabe ist es, die zwischen 30 und 40 Jahre alten Bänder zum Laufen zu bringen“, erzählt Blase. Viele seiner Patienten kommen aus Museen. Diese haben in den 1970er und 1980er Jahren Videokunst gekauft, einmal gezeigt und dann in die Arsenale verbannt. Oft wurden die Abspielgeräte weggeworfen. Damit waren die Bänder unbenutzbar.

Der gelernte Kommunikationswissenschaftler Blase kennt das aus seiner eigenen Familie. Sein Vater hatte 1972 bei der documenta in Kassel eine umfangreiche Video-Dokumentation gedreht. Als der Sohn sie Jahre später abspielen wollte, musste er erst mühsam nach dem passenden Gerät suchen. Als er es endlich gefunden hatte, erwiesen sich die 80 Bänder als so dreckig, dass ihnen kaum ein Bild zu entlocken war.

Das war der Anfang von Blases selbst erfundenem Beruf. „Bei meinen Recherchen habe ich gemerkt, dass viele Museen und Künstler dieselben Probleme haben.“ Also fing er an, alte Videogeräte zu sammeln. Vor sieben Jahren entstand dann im ZKM das Labor für antiquierte Videosysteme. Seitdem hat Blase mit seiner Kollegin Dorcas Müller Tausende von Bändern gesichtet und gesichert. „Es ist viel Routine dabei“, erzählt die studierte Medienkünstlerin. „Aber manchmal geht die Erregungskurve nach oben wie bei den Videos von Michael Geißler.“ Der Videoaktivist hat unter anderem 1974 ein Konzert der Sängerin Nico mit John Cale und Brian Eno aufgenommen.

„Das ist ein wichtiges Stück Zeitgeschichte.“ Als Erfinder der Videokunst gilt Nam June Paik, der 1965 den Papstbesuch in New York aufnahm. „Das Band suchen alle, es gilt als verschollen“, sagt Blase. Denkbar ist aber auch, dass Andy Warhol der Erste war, der das neue Medium nutzte. „Da gibt es noch einige Bänder, die jedoch nicht abspielbar sein sollen“, erzählt der Fachmann und das Blitzen in seinen Augen verrät, dass er dieses Problem irgendwann noch in Angriff nehmen will.

Die Video-Doktoren kämpfen mit einem Grundproblem: Wie sicher ist das neue Medium, auf dem sie ihre Fundstücke abspeichern? Immerhin sind 600 Terabyte zusammengekommen. „Wir nehmen Magnetbänder, wie sie auch Banken und Versicherungen verwenden“ erläutert Dorcas Müller. „Die haben 20 Jahre Garantie“. Danach sind die Digital-Doktoren gefragt. Ingo Senft-Werner, dpa

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