Medien : Vergessene Welt

Die „Initiative Nachrichtenaufklärung“ stellte die Top Ten der am meisten vernachlässigten Themen 2003 vor

Andreas Kötter

Die Nachrichtenlage aus der grünen Hölle im fernen Australien war hervorragend. Ob die Beteiligten im „Dschungelcamp“ nun Schwierigkeiten mit dem Stuhlgang hatten oder lange zurückliegende Seitensprünge heraus posaunten, RTL (und die „Bild“-Zeitung) versorgte sein Publikum stets mit den topaktuellsten Informationen. Längst verwundert es heute niemanden mehr, wenn Nachrichtensendungen mit dem „Dschungelcamp“ aufmachen, aktuelle News aus Politik und Wirtschaft unter ferner liefen auftauchen. Auch „Nachrichten“, ursprünglich das Synonym für Seriosität im Fernsehen, sind längst der Boulevardisierung anheim gefallen.

Wie die Medien mit Nachrichten umgehen und vor allem, wie sie diese gewichten, das untersucht seit 1997 die von Peter Ludes, heute Professor für Mass Communication an der Internationalen Universität Bremen, ins Leben gerufene „Initiative Nachrichtenaufklärung“. Getragen wird diese Initiative von Studenten aus dem Fachbereich Journalistik an der Universität Dortmund, verantwortlich für die Koordination zeichnet seit dem Wintersemester 2002/2003 Professor Horst Pöttker vom Institut für Journalistik. Pöttker sieht „das Nicht-öffentlich-Werden, das Schweigen und Verschweigen für Journalisten problematischer, als das Zuviel-Veröffentlichen von Überflüssigem oder Schädlichem“. Mit dem „Netzwerk Recherche“, einem Zusammenschluss von Journalisten, die sich für investigative Recherche einsetzen, hat Pöttker zudem einen strategischen Partner gewinnen können, der über journalistische Spürnasen der Extra-Klasse verfügt, wie den Chef-Ermittler der „Süddeutschen Zeitung“, Hans Leyendecker.

Nun präsentierte die „Initiative Nachrichtenaufklärung“ eine Liste der zehn am meisten vernachlässigten Nachrichten und Themen des Jahres 2003. Vorbild ist das US-amerikanische „project censored“, das jährlich auf 25 vernachlässigte Themen hinweist.

Hierzulande kommen die Vorschläge für die jährliche Liste „von Privatleuten, Verbänden, Nicht-Regierungs-Organisationen und sonstigen Vereinigungen“, so Diplom-Sozialwissenschaftler Jörg-Uwe Nieland von der Uni Bochum. Nieland gehört wie Leyendecker und Pöttker, aber auch Jörg Schönenborn, Chefredakteur des WDR-Fernsehens, Ingrid Kolb, Leiterin der Henri-Nannen-Journalistenschule und Ulrike Kaiser, Chefredakteurin des Branchenblattes „Journalist“ der Jury an, die alljährlich die Top Ten der am meisten vernachlässigten Themen auswählt.

Unbestritten auf Platz Eins setzte man in diesem Jahr das Thema „Korruption: Deutsche Unternehmen schmieren im Ausland“. So berichtete das ghanaische Blatt „Accra Mail“ von Bestechungen ghanaischer Offiziere durch Daimler-Chrysler. Man kann sich durchaus vorstellen, dass der Weltkonzern kaum gesteigertes Interesse haben dürfte, dass diese Vorwürfe einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Für einen Einzelfall hält die Initiative Nachrichtenaufklärung „Ghana“ nicht, denn immerhin bekleidet Deutschland einen wenig schmeichelhaften 16. Rang des Korruptionswahrnehmungs-Index. Zudem fehlt bis heute ein bundesweites Zentralregister auffällig gewordener Unternehmen.

Wenig transparent ist auch das Thema „Machtverschiebung nach Brüssel“: So wird mehr als die Hälfte der Gesetzgebung in deutschen Parlamenten inzwischen auf EU-Ebene vorbestimmt. Dem entgegen steht ein verschwindend geringer Satz von nur 0,4 bis drei Prozent der wichtigsten Fernsehnachrichten, die sich auf die Europäische Union konzentrieren.

„Kaum Berichterstattung, kaum Druck auf die Unternehmen“ - auf diese Formel lassen sich weitere Punkte der Liste bringen. Da ist zum einen das Thema „Greenwash: Unternehmen und ihr ökologischer Deckmantel“. So betreiben einige Unternehmen „grüne PR“, unterwandern gleichzeitig Aktivistengruppen, um negativer Kritik vorzubeugen. Und wenn klimaschützende Entscheidungen anstehen, dann können diese Unternehmen auf ihre Lobby-Arbeit vertrauen. Noch perfider sind „die Doppelstandards der Industrie“, wenn es um lukrative „Auslandsgeschäfte mit Giften und Pestiziden“ geht. Hierzulande sind diese Gifte verboten, also exportiert man sie in Entwicklungsländer. Ganz legal, moralisch aber ein Skandal. Nach Schätzungen der Weltgesundheits-Organisation WHO kommt es jedes Jahr zu 25 Millionen Vergiftungsfällen beim Umgang mit Schädlingsbekämpfungsmitteln. Umso wichtiger ist es, dass das Netzwerk Recherche als Lobby für einen freien Zugang zu Informationen fungiert, als öffentliches Regulativ gegen alle Formen von Informationsblockaden. Sonst könnte das „Dschungelcamp“ zum Nabel unser (Nachrichten-)Welt werden.

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