Medien : Verhängnisvolle Affäre

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Von Jan Dirk Herbermann, Genf

Die Sex-Affäre um den geschassten Schweizer Botschafter in Berlin, Thomas Borer, eskaliert zu einer Affäre um das größte Schweizer Medienhaus Ringier. Gestern gab der Zürcher Verlag bekannt, dass der Chefredakteur des „Sonntag-Blicks“, Mathias Nolte,49, „per sofort zurücktritt“. Die Affäre um ein angebliches sexuelles Verhältnis Borers habe das „Vertrauensverhältnis“ zwischen Nolte und der Konzernleitung belastet, hieß es aus dem Hause Ringier. Der Weggang war in der Redaktion des „Sonntags-Blicks“ schon seit Anfang der Woche erwartet worden. „Wir wussten schon am Montag, dass es in diese Richtung geht“, sagte ein Redakteur der Boulevardzeitung. „Das ist halt das Schicksal eines Chefs.“

Der aus Deutschland stammende Nolte hatte vor seinem Zürcher Engagement unter anderem für die „Welt“ gearbeitet. Als Chef des „Sonntags-Blicks“ verantwortete Nolte die für den damaligen Botschafter unrühmliche Geschichte. Die Zeitung unterstellte Borer ein außereheliches Verhältnis mit der Visagistin Djamile Rowe. Das Auß enministerium in Bern berief Borer von seinem Berliner Posten ab, woraufhin der Diplomat den Dienst quittierte. Auch die Berliner Reporterin des „Sonntags-Blicks“, Alexandra Würzbach, wird für Ringier nicht mehr schreiben. Sie kü ndigte, will die Angelegenheit juristisch klären und ihren Ruf wiederherstellen.

In der Schweiz unterstellt man Würzbach, sie habe schmutzigen Boulevardjournalismus betrieben. So hat das Schweizer Radio DRS gemeldet, Würzbach habe die publizierten Nacktfotos der vermeintlichen Borer-Gespielin Rowe von „Super-Illu“ widerrechtlich erworben. Angeblich soll sie sich Zutritt zum Archiv der Zeitschrift verschafft und die Fotos abfotografiert haben. Das Ganze erinnert an einen schlechten Drehbuch für einen noch schlechteren Krimi.

Die Affäre stürzt Ringier in eine tiefe Krise. Die Story basiert auf einem Tipp eines Informanten, Recherchen der Reporterin Würzbach sowie auf den Aussagen einer Zeugin, die jeglichen Kredit verspielt hat: Rowe unterschrieb mehrere eidesstattliche Erklärungen, die einander widersprechen. Obwohl bislang Aussage gegen Aussage steht, scheint sich die Schweizer Öffentlichkeit ihr Urteil bereits gebildet zu haben: Rege debattieren die Eidgenossen über die angeblich rüden Manieren der deutschen „Sonntags- Blick“-Redakteure. Der seriöse „Tages-Anzeiger“ schrieb: „Der ,Sonntags-Blick’ hat die Privatsphäre des Schweizer Botschafters Borer in grober Weise verletzt." Befremdlich wurde auch vermerkt, Ringier habe mit gefälschten Fotos seine Leserschaft an der Nase herumgeführt: Tatsächlich konnte eine Manipulation der Fotos vor der Schweizer Botschaft nicht bewiesen werden. Die Fotos zeigen die Visagistin Rowe bei Nacht. Andererseits gibt es keine Fotos, auf denen sie mit Borer gemeinsam zu sehen ist. Das Publikum hat den Daumen gesenkt: Wegen des Skandals, so berichten Insider, brö ckelt die Auflage des „Sonntags-Blicks“ und des Schwesterblatts „Blick“, der Verlag muss mit Millionenverlusten rechnen.

Thomas Borer hingegen fühlt sich obenauf. „Ringier muss eine Lektion erteilt werden, die einige Jahre anhält“, drohte der Ex-Diplomat am Mittwoch bei „Stern-TV“. Seine Frau, die texanische Schönheitskönigin Shawne Fielding, und er prüfen nun eine Klage gegen den Ringier-Verlag in den USA. Borer hat Erfahrung. Als Sonderbotschafter organisierte er die Abwehrschlacht schweizerischer Banken in Sachen Fluchtgelder im Zweiten Weltkrieg. Jüdische Organisationen in New York zwangen zwar die Finanzhäuser zur Zahlung von 1,25 Milliarden Dollar. Dennoch fand Borer für seine Arbeit Anerkennung: Als Belohnung erhielt er den Botschafter-Posten in Berlin, eckte jedoch mit der Vermarktung seiner Person mehrmals an. Und zwar lange, bevor die angebliche Rowe-Affäre diskutiert wurde.

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