Medien : Verhängnisvolle Austern

Im 35. Fall der bayerischen „Tatort“-Kommissare Batic und Leitmayr sterben schöne Schriftstellerinnen

Thilo Wydra

Da sitzen sie alle des Abends beisammen und schlürfen Austern. Geladen hat die Münchner Literaturagentin Ira Kusmansky (Doris Schade), und sie hat sie alle um sich herum versammelt wie eine Mutter ihre Kinder, die bedeutendsten unter den jüngeren Roman-Schriftstellerinnen, sowie eine Lektorin und eine Fernsehmoderatorin. Neun Frauen, noch – die Runde wird bald kleiner.

Als Erste – noch am Abend des dekadent- verlogenen Essens – trifft es Anna Stahlberg- Zeulig (Barbara Melzl), die Feministin unter ihnen. Wird im Esssaal noch geheuchelt, wird im Nebenzimmer Anna schon gemeuchelt. Denn immerhin: Agentin Kusmansky verspricht ihren Lieben einen Drehbuch-Vertrag mit langjähriger Verlagsbindung und einer Million Euro Vorschuss. Nur welche unter ihnen wird das Rennen machen? Die arme Anna jedenfalls wurde vergiftet, eine der leckeren Austern war’s, wie die Münchner Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) nach der Obduktion wissen. Sie fangen an, die eigenwilligen Autorinnen reihum zu befragen. Da passiert ein zweiter Mord.

Es ist der 35. Fall der beiden Kommissare. Das haben bei weitem nicht alle „Tatort“-Ermittler gepackt. Aber das Duo Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, stets süffisant-amüsant unterstützt von Michael Fitz als Dritten im Bunde, sie haben die Stücke des Bayerischen Rundfunks hochkatapultiert. Nicht nur Quote und Marktanteil stimmen, nein, die Fälle gehören mit zu den ausgefeiltesten, unterhaltendsten und anspruchsvollsten.

Beim 35. Fall hat nun Klaus Emmerich zum zweiten Mal bei einem BR-„Tatort“ Regie geführt. Peter Probst, 46, Autor („Zum Sterben schön“) und eben auch Gatte der Bestseller schreibenden Fernsehmoderatorin Amelie Fried, hat das Drehbuch verfasst. Probst muss verdammt gut wissen, wovon und worüber er hier spricht. Ist seine Ehefrau vielleicht das Vorbild der einen oder anderen Frauenfigur aus „Wenn Frauen Austern essen“? Schließlich bewegt sie sich in jener so doppelbödigen Branche, in der sich in Probst’ Fiktion die dahinsterbenden Autorinnen, Lektorinnen und Moderatorinnen bewegen. Sie alle gieren hier nach Erfolg, Anerkennung, Auflage, Verlagsvorschuss. Und bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Schein und Sein. Dieser existenziellen Ambivalenz muss man erst einmal gewachsen sein, auch diesem Druck – von innen und von außen. Hält man diesem Druck nicht stand, begeht man Raubbau an sich selbst – oder an den anderen.

Zumindest in diesem auch formal herausragenden „Tatort“ geht das schließlich bis zum Kolleginnen-Mord. Das alles ist eingebettet in eine durchaus unkonventionelle fotografische Gestaltung (Kamera: Theo Bierkens) mit düsteren Bildern und in einen noch unkonventionelleren Klangteppich (Musik: Irmin Schmidt) mit sphärisch- befremdender Soundmischung. Beides zusammen evoziert eine fast schon mystische Atmosphäre, gerade etwa in den Szenen im barocken Haus der Agentin Kusmansky, oder in den großen alten Bibliotheken, in denen die Literatur das Leben übernommen hat und die Autorinnen das eine vom anderen im Gespräch nicht mehr zu trennen vermögen.

Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, zwischen Erdachtem und Erlebtem sind mitunter eben doch fließend. Wie gesagt, Peter Probst wird es wissen.

„Tatort: Wenn Frauen Austern essen“, ARD, 21 Uhr 05

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