Medien : Verhasst

Reinhard Siemes

Studenten der Hoch- und Fachhochschulen für Kommunikations-Design (vulgo Grafik), Filmhochschüler und HdKler (jetzt Humboldt-Universität) haben eins gemeinsam: Sie wollen ums Verrecken nicht in der Werbung arbeiten. Werbung ist Reklame, Dummheit, Lüge, Lärm, Geschmacklosigkeit - mithin Unrat. Wenn ich sie dann frage, wovon sie leben möchten, wenn nicht vom Taxifahren, kommt als erstes Buchgestaltung, gefolgt von feinen Kulturbroschüren (für wen bitte?), Plakaten für Theater und Kunstausstellungen, notfalls auch Messen, schöne Zeitschriften und - mit Einschränkungen - Verpackungen für den gehobenen Bedarf.

Leider hat der Drang zur Grafik der feinen Art einen dicken Haken. Die Institute spucken pro Jahr 1200 bis 1500 hoffnungsvolle Jungdesigner und 150 Jungfilmer aus. Die grafischen und cineastischen Wunschobjekte sind aber längst in festen Händen. Bleibt nur eins: Sie müssen als Praktikanten für 400 bis 500 Euro im Monat Design-Veteranen oder egomanischen Filmern die lästigen Arbeiten abnehmen.

Die Folge ist nicht nur Verdruss, sondern auch schlichter Hunger. Also stehen sie, die erklärten Gegner der hässlichen Reklame, nach kurzer Zeit heulend vor der Türen der verhassten Werbeagenturen. Die brauchen zur Zeit auch niemanden, ausgenommen junge willige Billigkünstler als Ersatz für teure Profis. Damit nimmt das Schicksal seinen Lauf: Die Aspiranten sehen sich plötzlich Babywindeln, Wandfarben und Bettnässer-Höschen gegenüber. Und für die sollen sie keine Plakate oder schöne Broschüren machen. Sondern Handzettel, Gutscheine oder Preisplakate für den Supermarkt. Das können sie nicht.

Und sie wollen es auch nicht können.

Also machen sie es halbherzig und katakombenschlecht. Darum werden sie ziemlich bald rausgeschmissen und werden Taxifahrer. Einige gehen auch zum Sender Neun Live oder in die Politik.

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