Medien : Verkrampft. Wie üblich

„Sabine Christiansen“: der Antisemitismus und keine Debatte

Tobias Kaufmann

„Werden Rassismus und Antisemitismus wieder salonfähig?", fragte Sabine Christiansen und lud sechs Männer in den Salon. Über Rassismus wurde nicht geredet, dafür über eine ganze Menge anderer Themen, die irgendwie mit Judenfeindschaft zu tun haben könnten. Über den CDU-Abgeordneten Martin Hohmann, über den General a.D. Reinhard Günzel, über George W. Bush, Ariel Scharon, Degussa und das Mahnmal, über Wahlkampf, über den Nahostkonflikt und Berliner Mauern im Westjordanland. Am Ende blieb dem aufmerksamen Zuhörer der Eindruck: „Schön, dass sie darüber geredet haben. Aber worüber eigentlich?" Kaum war ein halbwegs interessanter Gedanke ausgesprochen, leitete Christiansen zu einem uninteressanten Gedanken weiter. Das war nur konsequent, denn zur allgemeinen Verkrampfung auch in den gut gemeinten Antisemitismus-Diskussionen gehört, dass innerhalb kürzester Zeit vom Thema abgelenkt wird. Bei „Sabine Christiansen“ begann das mit der Gästeauswahl. Weder Günzel noch Hohmann waren zugegen, dafür aber der frisch gewählte EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber und Wolfgang Kubicki (FDP), der die Einladung vermutlich in seiner Funktion als letzter Möllemann-Freund bekommen hatte.

CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer musste mit sichtbarem Unbehagen Hohmanns Nichtrauswurf aus der Fraktion gegen den bohrenden Zeigefinger von Innenminister Otto Schily (SPD) rechtfertigen. Israels Botschafter Shimon Stein war da, und auch der umstrittene amerikanische Historiker Norman G. Finkelstein saß in der Runde. Vermutlich sollte er für Zündstoff sorgen, in der Rolle des Quotenjuden, zuständig für Sätze über Israel und Amerika, die man einen nichtjüdischen Deutschen im Fernsehen lieber nicht sagen lässt. Denn allein über seine extrem antiisraelischen Veröffentlichungen zum Nahost-Konflikt und seine international vor allem von Antisemiten gern zitierte These, die Juden benutzten den Holocaust als Moralkeule und Einnahmequelle („Die Holocaust-Industrie"), hätte man eine ganze Sendung lang reden können. Da er aber von den innerdeutschen (Hohmann-)Diskussionen merklich unbeleckt ist, war Finkelstein eine Fehlbesetzung.

Kurz: Es saß ein Herrenrunde zusammen, die sich gerne reden hörte und in ihren Duellen statt scharfer Inhaltsmunition nur moralummantelte Hülsen abfeuerte.

Ein Thema wäre gewesen: Woher kommt es, dass sowohl der jüdische Bolschewismus als auch der jüdische Kapitalismus nach wie vor zu den kollektiven Denkmöbeln deutscher Hirnstuben gehören – egal ob am Stammtisch oder beim Sit-In von Attac? Ist in Redaktionen und Parteizentralen überhaupt begriffen worden, dass es nicht allein die Salons sind, in denen Antisemitismus verbreitet ist, sondern vor allem die Wohnzimmer?

Die interessanten Fernsehdiskussionen sind die, in denen Leute anrufen und naiv oder böswillig die immergleichen Fragen stellen. Die Sendungen, in denen sich Berufene aus Kalkül um die entscheidenden Antworten drücken, zeugen nur von Hilflosigkeit. Ein mutiger Meyer hätte gesagt: „Herr Hohmann gehört nicht in unsere Fraktion, aber wir leisten es uns nicht, ihn rauszuwerfen, weil eine klare Mehrheit in seinem Wahlkreis genauso denkt wie er." Wie heiß der Brei ist, merkt man daran, wie konsequent drumherum geredet wird.

Der Autor ist Redakteur der „Jüdischen Allgemeinen".

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